Tourismusbranche : 16 Millionen Nächte

Nie kamen so viele Besucher nach Berlin wie 2006. Das Gastgewerbe glaubt, dass der Boom anhält. Was die Fußball-WM dem Stellenmarkt gebracht hat.

Henning Zander
Lächeln ist Programm:
Lächeln ist Programm: Natürliche Freundlichkeit ist das A und O an der Rezeption.Foto: Doris Spiekerman-Klaas

Mit einem Lächeln begrüßt Christine Klaproth die ankommenden Gäste, tippt Daten in ihren Computer, überreicht die Schlüssel zum Zimmer. Wenn nach Sehenswürdigkeiten in der Nähe des Hotels Maritim gefragt wird, weist sie auf die Ausstellung der französischen Meisterwerke aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art in der Neuen Nationalgalerie hin. „Und auch eine Bootsfahrt kann man hier sehr schön machen.“ Zum Anleger auf dem Spandauer Kanal dauert es keine fünf Minuten zu Fuß. Die Rezeption ist Christine Klaproths Lieblingsstation während ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau. Die 20-Jährige ist hier oft der erste Ansprechpartner für Gäste in Berlin. „Bei der Auswahl unserer Auszubildenden achten wir sehr auf die natürliche Freundlichkeit“, sagt die Personalchefin des Hotels Maritim, Silvia Kadow. Die Gäste sollen sich aufgehoben fühlen, als wären sie in einem Ferienhotel. Und nicht mitten in Deutschlands Hauptstadt.

Berlin hat im vergangenen Jahr die Rekordzahl von 7 077 275 Gästen beherbergt. Insgesamt blieben sie fast 16 Millionen Nächte. Ausschlaggebend für dieses gute Ergebnis waren nur bedingt die Besucher der Fußballweltmeisterschaft. Viel wichtiger war der langfristige Werbeeffekt der Veranstaltung, der erst heute deutlich zu spüren ist. „Berlin profitiert außerdem von den vielen Billigflugangeboten in die Hauptstadt“, sagt Klaus-Dieter Richter vom Hotel- und Gaststättenverband Berlin. Das, was die Touristen weniger für den Flug zahlen würden, könnten sie mehr für Übernachtungen und Restaurantbesuche ausgeben. Außerdem etabliere sich Berlin mit der Museenlandschaft und wichtigen Ausstellungen als Kulturziel für Kurztouristen.

Der beginnende Boom, der dem Beherbergungsgewerbe 2006 ein Umsatzplus von 2,6 Prozent bescherte, schlug sich im vergangenen Jahr jedoch nicht in Beschäftigungswachstum nieder. Dies soll 2007 anders werden, wie aus einer aktuellen Befragung der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) zu Beschäftigungszahlen im Gastgewerbe hervorgeht. 37,8 Prozent der befragten Unternehmen wollen zukünftig mehr Menschen beschäftigen. Nur drei Prozent wollen Mitarbeiter entlassen. Zuerst werden hiervon die Saisonkräfte profitieren, später könnten dann auch mehr Vollzeitstellen entstehen. Es bieten sich also wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Besonders Köche seien derzeit gesucht, sagt Richter.

Von der Schwierigkeit, auf diesem Gebiet gutes Personal zu finden, kann Gastronom Hans Jürgen Schröder berichten. Für seinen Feinkostladen mit Restaurant suchte er zwei Köche. Vergebens. „Leider hatte keiner gelernt, wie man mit diesen Kostbarkeiten richtig umgeht“, sagt Schröder. Er ist spezialisiert auf Produkte und Gerichte aus Italien. „Dort ist es ganz natürlich, dass man lernt, wie man Olivenöl richtig verwendet, oder eine Nudelsoße zubereitet“, sagt Schröder. Schließlich entschloss sich der Gastronom, in seinem Betrieb selbst auszubilden.

Ein Trend, der sich im Jahr 2006 besonders deutlich gezeigt hat. Rund 500 zusätzliche Ausbildungsplätze wurden im Hotel- und Gaststättengewerbe nach Angaben der IHK-Berlin zusätzlich geschaffen. Das ist ein Plus von fast zehn Prozent gegenüber 2005. Ein Teil hiervon ist ein Angebot in überbetrieblichen Ausbildungsstätten für Jugendliche mit schlechterer Schulbildung. Sie haben immer noch Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Denn die Anforderungen an die Azubis sind gestiegen.

Gastronom Schröder verlangt zwar von seinen Auszubildenden kein Abitur. „Wer jedoch auf eine Thomas-Mann-Schule gegangen ist, sollte mir zumindest in Ansätzen erklären können, wer Thomas Mann eigentlich war.“ Noch wichtiger als die Allgemeinbildung sind für Schröder ein trainierter Geschmack, aber auch gute motorische Fähigkeiten. Leider hapere es daran bei den meisten. „Gegessen wird in Deutschland größtenteils nur zur Sättigung, nicht zum Genuss.“ Wer bei Schröder eine Chance haben will, muss zwei Tage zur Probe mitarbeiten. „Am zweiten Tag merkt man dann, wie viel eigentlich davon hängen geblieben ist, was man am Vortag dem Bewerber erzählt hat“, sagt Schröder.

Auch von den Auszubildenden des Hotel Maritim wird erwartet, dass sie eine Woche lang im Betrieb zeigen, ob sie mit den Anforderungen zurechtkommen. Dienste beim Frühstücksservice gehören genauso dazu wie Schichten beim Housekeeping, also Zimmer säubern und Betten machen. „Die Bewerber sollen auch die schweren Seiten der Arbeit kennen lernen“, erklärt Personalchefin Silvia Kadow. Ebenso sieht es Gastronom Schröder. „Als Koch muss man sieben Stunden am Stück stehen. Das ist ein Knochenjob.“ Wer es gewohnt sei, abends noch um die Häuser zu ziehen, könne diesen Job nicht durchstehen.

Christine Klaproth haben die Härten ihres Berufs nicht von ihrem Wunsch abgebracht, eines Tages in der Hotellerie zu arbeiten. Etwa die Hälfte der Auszubildenden wird vom Hotel Maritim übernommen. Viele suchen sich nach der Ausbildung einen Arbeitgeber im Ausland, um dort Erfahrungen zu sammeln. Nur ein geringer Teil fällt durch das Raster, weil die Leistungen zu schlecht sind. Beim Maritim ist man so zufrieden mit den Auszubildenden, dass man noch in diesem Jahr vorhat, deren Zahl von derzeit 51 auf 75 zu erhöhen. Das wären dann knapp ein Drittel der Beschäftigten.

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