Tugenden : Ohne Fleiß kein Preis

In guten Zeiten schaffen traditionelle Werte ein angenehmes Arbeitsklima – in schlechten können sie für Unternehmen existenziell werden, sagt die Benimm-Expertin Elisabeth Binder

Elisabeth Binder
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Wie die Ameise. Stimmt die Atmosphäre, ist der Mitarbeiter motivierter – und setzt sich mehr für die Firma ein. Foto: dpa

Gerade in jungen Branchen galten alte deutsche Arbeitstugenden lange als etwas spießig und verstaubt. Natürlich schätzten auch Arbeitgeber in Turnschuhen Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin bei ihren Mitarbeitern. Aber solche Tugenden durften gern ein bisschen kreativ chaotisch kostümiert daher kommen. Erst die große Krise bringt ein Comeback der reinen Tugend-Lehre.

In Krisenzeiten muss gespart werden, das ist allgemein bekannt. Die meisten Menschen denken beim Sparen an Geld oder Personal. Dabei kann man unter Umständen sehr viel erreichen, wenn man an Reibungsverlusten spart, wie sie beispielsweise durch schlechtes Arbeitsklima entstehen, durch gedankenlosen und rücksichtslosen Umgang miteinander. Wer in einem erfreulichen Umfeld arbeitet, in dem die Stimmung gut ist und die Beziehungen zu den Kollegen stimmen, wird viel eher bereit sein zu den Extra-Anstrengungen, die in angespannten Phasen den entscheidenden Vorsprung vor der Konkurrenz bewirken können. Außerdem wird er viel kreativer arbeiten, weil er entspannter ist und sich nicht den Kopf zermartern muss über Ungerechtigkeiten, Vorwürfe, Mobbing-Attacken. Wer in einem erfreulichen Umfeld lebt und arbeitet, hat den Kopf frei für die eigentlichen Unternehmensziele.

Beispiel Pünktlichkeit: Wenn die Kollegen sich Zeit lassen, bis sie zum Meeting erscheinen, obwohl sie genau wissen, dass man selber unter Druck steht und auf ein pünktliches Ende angewiesen ist, steht die ganze Angelegenheit unter einem schlechten Stern. Man geht dann schon schlecht gelaunt und voller negativer Gefühle ins Meeting. Klar, dass die Kreativität blockiert ist, dass man nicht so gelöst und motiviert miteinander redet, wie es für den Erfolg der Sitzung wünschenswert wäre. Vielleicht lässt man heimlich auch die eine oder andere Info unter den Tisch fallen, die für die spät kommenden Kollegen wichtig wäre. Nur weil man sich so geärgert hat.

Solche Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg kann man sich auch sparen. Höflichkeit und Disziplin steigern die Effizienz und tragen zu einer guten Atmosphäre und damit zu besseren Leistungen bei. Eine lässige Tonlage ist nach wie vor in Ordnung bei der Planung von Projekten, aber noch wichtiger ist der uneingeschränkte Fleiß bei der Umsetzung.

Weitblickende Unternehmer haben allerdings auch in guten Zeiten schon das positive Miteinander befördert, weil sie unnötige Verluste durch Ärger am Arbeitsplatz vermeiden wollten. Erfolg kann man schließlich nie genug haben.

Beispiel: Ehrlichkeit. Wer in einem Umfeld lebt, in dem er sich gezwungen sieht, mit tausend Ausflüchten und Lügen, eigene Fehler zu kaschieren, wird dazu beitragen, dass sich Abläufe verlängern, dass Effizienz gemindert wird. Die Firma C hat noch keine Antwort? „Dann muss sie in der Post verloren gegangen sein“, lautet die einfache Schwindelei. Wer in der Sitzung schlicht sagt: „Tut mir leid, ich habe vergessen, die Akte der Firma C. zu bearbeiten, weil sie ganz unten im Stapel lag, und ich nicht mehr daran gedacht habe“, trägt dazu bei, dass dieses Versäumnis mit gemeinsamen Kräften rasch behoben werden kann. Dazu wird er sich aber nur bereit finden, wenn die Kollegen nicht mit Häme oder Anschuldigungen reagieren.

Es ist zwar sehr menschlich, sich an den Fehlern anderer aufzurichten und von oben herab zu sagen: „Mir könnte das gar nicht passieren, mein Schreibtisch ist immer aufgeräumt. Aber bei Ihnen sah es ja immer schon etwas schlampig aus.“ Auf diese Art schlechte Laune zu verbreiten und die Stimmung zu drücken, bringt leider niemandem etwas und gehört also eigentlich verboten.

Die Verbreitung von negativen Schwingungen ist in guten Zeiten ein ärgerliches Laster. In schwierigen Zeiten kann sie existenzgefährdend werden.

Das heißt nicht, dass man die echten Schlamper, denen alles einerlei ist, nicht immer mal zur Ordnung rufen und ihnen vermitteln muss, dass ihre Versäumnisse wahrgenommen werden. Aber das sollte diskret geschehen und zunächst möglichst unter Umgehung von Drohgebärden. Besser als ein Hagel von Vorwürfen, wirkt unter Umständen echte Besorgnis über das Versagen, weil dann dem Betroffenen seine eigenen Defizite in einem peinlichen Licht erscheinen und er sich schon deshalb mehr ins Zeug legt, statt sich in eine beleidigte Trotzhaltung zu flüchten.

Ehrlichkeit beschränkt sich aber nicht nur auf Worte, sondern auch auf Handlungen.

In jedem Unternehmen gibt es Kollegen, die den Stress, unter dem sie stehen, gerne öffentlich machen und dabei ein bisschen übertreiben, indem sie zum Beispiel ständig signalisieren, nicht ansprechbar zu sein, obwohl sie es eigentlich wären. Das ist kein probates Mittel, die eigene Wichtigkeit herauszustreichen. Lebenserfahrung legt nahe, dass wirklich wichtige Menschen auch mal für die vermeintlich weniger wichtigen einen freundlichen Satz parat haben und sogar auch dann, wenn ihnen gerade der Kopf braust wie verrückt.

Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit gehören zu den fünf konfuzianischen Kardinaltugenden. Wer sich auf uraltes Menschheitswissen besinnt, segelt auch sicherer durch stürmische Dow-Jones-Gewässer. Menschlichkeit hat im modernen Arbeitsalltag verschiedene Gesichter, kann zum Beispiel als Hilfsbereitschaft daher kommen – einem Kollegen, der temporär überfordert ist, wird von anderen auch mal ganz uneigennützig und ohne große Worte geholfen – oder auch als Respekt zwischen den Generationen.

Zu den vier Kardinaltugenden der Antike gehört die Tapferkeit, und die hilft ebenfalls weiter, wenn einem Unternehmen geschäftlich ein Eiswind entgegen bläst. Natürlich ist die Verführung groß, sich zu ducken, Schuld auf andere abzuschieben, sich von Kollegen zu distanzieren, obwohl man weiß, dass sie gerade zu Unrecht angegriffen werden. Aber auch das ist schädlich fürs Klima, weil es Unaufrichtigkeit und Ungerechtigkeit befördert. Und auch die Gerechtigkeit zählt, seit der griechische Dichter Aischylos 467 vor Christus sein Stück „Sieben gegen Theben“ schrieb, zu den Kardinaltugenden, zu denen laut Platon noch Weisheit und Klugheit gehören. Cicero fasste Weisheit und Klugheit zusammen und nannte als vierte Tugend die Mäßigung.

Deren Loblied braucht hier nicht eigens gesungen zu werden, weil die Krise ja selbst eine Art Loblied auf die Mäßigung ist. Ohne die überbordende Gier von manchen Bankern und Top-Managern, wäre es kaum dazu gekommen.

Im Christentum kamen die drei so genannten theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung dazu, so dass die Zahl der Tugenden insgesamt die glückliche Zahl Sieben ergibt. Selbst in diesen Tugenden verbergen sich nützliche Ansätze für den Arbeitsalltag, gegenseitiges Vertrauen zum Beispiel, Solidarität oder noch mal die Menschlichkeit.

Gerade in schwarzen Zeiten und gerade in diesem schwarzseherisch geeichten Land lohnt es sich besonders, die Hoffnung ganz bewusst zu pflegen. Es ist einfach, sich dem Weltschmerz hinzugeben und zu jammern, dass immer alles schlechter wird. Manchmal wird es temporär ja auch schlechter, wenn Unternehmen pleite machen und Leute ihre Arbeitsplätze verlieren. Insgesamt ist das Leben mindestens in unseren Regionen seit der Erfindung der Tugenden trotz vieler Täler aber tatsächlich immer besser geworden. Auch deshalb soll man die Hoffnung unter keinen Umständen je verlieren, sondern möglichst auch verzweifelte Kollegen damit infizieren.

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