Karriere : Und abends in die Oper

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Foto: Uwe Steinert
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Alltäglich ist das nicht: Hussein Moussa, 17 Jahre alt, Deutscher libanesischer Herkunft mit nach hinten gegelten Haaren und dicker Halskette, war kürzlich in der Oper. Bei Mozart, in der „Zauberflöte“. „War gut“, sagt er. Begleitet haben ihn weitere Jugendliche und eine Koordinatorin des Start-Programms – eines Stipendienprojekts, das Jugendliche aus Einwandererfamilien fördert. Seit einem halben Jahr nimmt Hussein Moussa daran teil. Eine ältere Schülerin hatte es an seinem Gymnasium vorgestellt. „Ich hatte ja nichts zu verlieren“, sagt er – also bewarb er sich. So richtig damit gerechnet, genommen zu werden, hatte er nicht. Und sich dann umso mehr gefreut, als die Zusage der Stiftung im Briefkasten lag.

Die Aufnahme ins Programm bedeutete für ihn eine finanzielle Förderung: Er bekam einen Computer und 100 Euro monatlich, die er zum Beispiel für Bücher oder Schreibzeug verwenden kann. Geld für Sprachreisen oder Nachhilfe kann er außerdem beantragen. Und nicht zuletzt nimmt er nun an Seminaren zu Themen wie Rhetorik oder Europa teil – und geht auf Exkursion ins Theater oder die Oper.

„Die Jugendlichen sollen mit uns in Bereiche reinschnuppern, die sie sonst nicht kennenlernen“, sagt Start-Geschäftsführerin Andrea Bartl. „Und sie sollen das Gefühl bekommen, willkommen zu sein und sich einbringen zu können.“ Das Programm der Hertie-Stiftung entstand 2002. Sechs Partner gibt es in der Stadt, darunter den Rotary Club Gendarmenmarkt, die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und die Bildungsverwaltung. Seit 2004 gab es 27 Stipendiaten. Die Bewerberzahl lag weit höher: Zuletzt kamen 150 Bewerber auf acht Plätze.

Hussein Moussa hatte das Vorstellungsgespräch gut überstanden. „Ich war ganz schön nervös“, sagt er und lacht, „es war schließlich mein erstes.“ Um Wissensfragen sei es zum Glück nicht gegangen – aber Fragen zu Lebenslauf und Familiensituation wurden gestellt. Moussas Eltern flohen in den achtziger Jahren aus dem Libanon nach Berlin, die Familie wohnt in Wedding. Er ist das siebte von neun Geschwistern, drei sind körperlich und geistig behindert. „Wir sind zu Hause alle aufeinander angewiesen“, sagt er.

Neben der Zeit, in der er sich etwa um seine Brüder kümmert, engagiert er sich in der Schule und in der Freizeit: Er hat die Patenschaft für einen jüngeren Schüler übernommen, falls es mal Ärger gibt oder Sorgen, und er ist dieses Jahr nicht zum ersten Mal Klassensprecher. „Ich mache gern was für meine Klasse“, sagt er, „ich finde das wichtig.“ Demnächst kommt eine weitere Aufgabe dazu: Einmal wöchentlich wird er im Jüdischen Krankenhaus Patienten vorlesen oder sich mit ihnen unterhalten. „Ich weiß ja, wie das ist, wenn man Hilfe nötig hat“, sagt er. „Einige helfen meiner Familie, ich helfe dafür anderen.“

Die Hilfe des Start-Programms konnte er gut gebrauchen. Schulbücher hat er davon bezahlt, nächsten Monat will er einen Schreibtisch kaufen. Den Seminaren allerdings stand er anfangs mit gemischten Gefühlen gegenüber: „Ich dachte, die Leute dort könnten hochnäsig sein.“ Diese Angst legte sich bald. Mit seinen Mitstipendiaten und den Koordinatoren verstehe er sich hervorragend: „Man lernt neue Leute kennen – und eine neue Welt.“

Soeben erlernte Präsentationstechniken konnte er bei einem Schulreferat in Chemie direkt anwenden. Und das Beste bisher: Mit Unterstützung durch das Programm nahm er am Austausch seiner Schule mit Nordfrankreich teil. „Das war super“, sagt er. „Ich hätte sonst einfach nicht fahren können.“

Hussein Moussa wird voraussichtlich bis zum Abitur Start-Stipendiat bleiben. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen bis zu einem höheren Bildungsabschluss zu begleiten“, sagt Andrea Bartl. Rund 90 Prozent der Absolventen beginnen danach ein Studium. „Mit ein wenig außerschulischer Förderung können die Jugendlichen oft ganz andere Wege einschlagen“, sagt Bartl. Hussein Moussa will nach dem Abi eine Ausbildung bei der Kripo beginnen. Streitschlichten hat er ja schon als Klassensprecher gelernt.

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