Vereinigte Arabische Emirate : Gastarbeiter gesucht

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind wirtschaftlich im Aufschwung. Davon können auch ausländische Bewerber profitieren

Hagen Rudolph,Claudia Obmann
Abu Dhabi
Pracht in der Wüste: In den Emiraten setzt man auf Superlativen – auch kulturell. Das Bild zeigt einen Computerentwurf des...Foto: AFP

Die Patienten im Wartezimmer sind äußerst sensibel. Damit sie nicht in Panik geraten, tragen sie Hauben bis über die Augen. Zu 40 bis 60 hocken sie da. Wenn Chefärztin Margit Müller sie operieren muss, bekommen sie einen Trichter übergestülpt, damit sie ihnen Narkosegas zuführen kann. Die deutsche Tierärztin arbeitet am Falcon Hospital, einer Spezialklinik für Falken in Abu Dhabi, dem größten Scheichtum der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Unter den wachsamen Augen der Vogelbesitzer röntgt, impft und verbindet sie die kranken Lieblinge der Beduinen. Die 38-jährige Veterinärin aus Weißenhorn in der Nähe von München ist seit sechs Jahren Chefärztin und Verwaltungsdirektorin der Klinik am Rande der Wüste.

Angefangen mit ihr und Arabien hat es vor etwa 14 Jahren. Damals machte die bayerische Tiermedizin-Studentin ein Praktikum in einer Falkenklinik im Emirat Dubai und schrieb dort ihre Doktorarbeit. Dubai ist das im Westen besser bekannte, jedoch sehr viel kleinere Scheichtum. Müllers Arbeit muss damals größeren Eindruck bei den Falknern der Emirate hinterlassen haben. Denn im Herbst 2001 wurde die bayerische Beizvogel-Spezialistin zu Hause überraschend vom ihr damals unbekannten Chef des Hospitals in Abu Dhabi angerufen. Ob sie nicht in seine Falkenklinik kommen wolle? Sie wollte. Nach einem halben Jahr Einsatz als eine von drei Veterinären war sie ab Sommer 2002 plötzlich Managerin und Chefärztin in einer Person. Und zwar als Nachfolgerin eines Mannes, eines Einheimischen. Margit Müller: „Ein absolutes Novum damals.“

Eine europäische Frau in einem arabischen Land, noch dazu in Leitungsfunktion – bringt das keine Probleme? „Nein“, sagt sie. „Frauen haben es beruflich überall schwer, auch in Europa. Aber hier werde ich sehr für mein Know-how und meine Leistung respektiert!“ Ihr Start war allerdings holprig. „Zuerst war es für die Beduinen schwierig, mich zu akzeptieren. Aber mittlerweile kann ich so viel Arabisch, dass ich mich über alle fachlichen Dinge, zum Beispiel Diagnose und Therapie, sehr gut verständigen kann.“

Gescheitert ist sie dagegen bis heute bei ihrem Versuch, feste Termine mit ihrer Kundschaft zu vereinbaren: „Die Männer, vom einfachen Beduinen bis zum Scheich, fragen mich auch noch um Mitternacht um Rat, wenn sie mit ihren Freunden zusammensitzen und über Falken diskutieren. Ich antworte dann per Handy.“ Tagsüber herrscht rund um Margit Müller erst recht lebhaftes Treiben. Von den einheimischen Klinikbesuchern kennt jeder jeden – entweder, weil sie miteinander um ein paar Ecken verwandt sind oder wegen ihrer gemeinsamen Leidenschaft, der Falknerei. Rund 6000 Greifvögel werden in Abu Dhabi in Gefangenschaft gehalten. Im etwa viermal so großen Deutschland, das ja auch eine Falkentradition hat, sind es gerade mal 300 Tiere. Im gemütlichen Empfangsraum der weltweit einzigartigen Klinik tauschen die arabischen Tierbesitzer bei Tee und Kaffee lautstark Neuigkeiten aus, während sie auf Untersuchungen oder Diagnosen warten. „Es gibt Leute, die besuchen ihren kranken Falken jeden Tag“, erzählt die Chefärztin. Denn die Vögel sind mehr als ein Statussymbol, sie gehören traditionell zur Familie. Schließlich sicherten die Jäger früher das Überleben in der Wüste.

Die Gesundheit ihrer gefiederten Gefährten ist ihren Besitzern viel wert. Wobei allerdings die Behandlungskosten im Vergleich zur Kaufsumme sehr niedrig sind. Ein gut ausgebildeter Falke hat einen Wert zwischen 15 000 und 40 000 Euro, für Spitzenexemplare zahlen Scheichs sogar über 80 000 Euro. Die Durchschnittskosten pro Behandlung im Falcon Hospital liegen bei 400 Dirham, etwa 80 Euro.

Allen Überresten der Beduinen-Kultur und der arabisch-konservativen Grundhaltung zum Trotz versucht die Regierung von Abu Dhabi ihr Land in die Moderne zu katapultieren. Margit Müller: „Es ändert sich hier so viel in Richtung neue Technologien. Außerdem unterziehen sich Wirtschaft und Verwaltung einer Qualitätsoffensive.“

Um den Bekanntheitsgrad des Wüstenstaates auszubauen, eröffnete in 2005 das Emirates Palace Hotel in Abu Dhabi: eine Luxusherberge im Stil von 1001 Nacht. Die Antwort auf das berühmte Hotel Burj Al Arab in Dubai macht klar: Die VAE-Hauptstadt ist noch reicher als die protzige Shopping-Oase Dubai. Abu Dhabi, das mächtigste Scheichtum, nimmt allein 86 Prozent der VAE-Landfläche ein und produziert 85 Prozent des Öls aller sieben Emirate. Insgesamt sind die VAE gerade mal so groß wie Österreich.

Seit das Öl sprudelt, hat sich das Leben der einstigen Nomaden sehr verändert: Statt Kamele zu hüten oder von Oase zu Oase zu ziehen, lassen sie arbeiten. Inzwischen kommen auf jeden Araber sechs Ausländer. In der Stadt Abu Dhabi mit ihrer rund eine Million Einwohnern liegt die Gastarbeiter-Quote mit 80 Prozent sogar noch höher. So verwundert es nicht, dass es unter den fest Angestellten in Müllers Klinik keinen Einheimischen mehr gibt. Die meisten Diener im Märchenland stammen von den Philippinen, aus Indien, Jordanien, Ägypten, dem Sudan und Pakistan. Aber auch Gastarbeiter aus Deutschland sind dabei. Dieses Vielvölkergemisch macht Englisch in Abu Dhabi fast schon zur Amtssprache. „Wir beziehen keine Wahnsinnsgehälter, und die Lebenshaltungskosten sind vergleichbar zu Deutschland“, dämpft Margit Müller allerdings Phantasien von märchenhaften Verdienstmöglichkeiten. Um Zuzüglern, Touristen und Investoren Anreize zu schaffen, wird in Abu Dhabi kulturell aufgerüstet. Musicals vom New Yorker Broadway gehören ebenso ins Programm wie Gastspiele der Berliner Philharmoniker.

Doch Freizeit hat die engagierte Doktorin kaum. Privat einschränken, so findet Margit Müller, muss sie sich aber als Frau unter Arabern nicht: „Kurze Röcke und schulterfreie Tops sind nicht mein Stil.“ Ihre Entscheidung, im Krankenhaus am Rande der Wüste zu bleiben, hat die deutsche Vollblut-Tierärztin nicht bereut.

Karriere-Magazin

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