Karriere : Viel Wissen für wenig Geld

Volkshochschulen gelten als Discounter unter den Bildungsanbietern. Was die Kurse wirklich bringen

Selina Byfield
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Schlange stehen für den Job. Preiswerte Seminare an Volkshochschulen sind bei der Weiterbildung gefragt. Foto: ddp,...

Sie zeichnen Modelle, quälen die Zunge mit ungewohnten Sprachlauten und biegen ihre Köper im Yogi-Stil. Rund neun Millionen Menschen haben im Jahr 2007 einen Kurs an einer Volkshochschule (VHS) besucht. Viele Angebote wie Kunst- oder Sportkurse sind eher für die Freizeit gedacht – obwohl es an den gemeinnützigen Einrichtungen auch viele Möglichkeiten gibt, sich beruflich fortzubilden. „Neben der guten Erreichbarkeit bieten wir ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis“, sagt Laurenz Ungruhe, Direktor der VHS City-West.

Dass der Preis eine große Rolle spielt, bestätigen Umfragen. Laut Kundenmonitor 2008 entschied sich tatsächlich die Hälfte der befragten Hauptstädter wegen der niedrigen Kursgebühren für die Volkhochschule als Weiterbildungsstätte. Denn während ein Wochenendseminar zur Einführung in die Tabellenkalkulation an der VHS Mitte 72,80 Euro und ermäßigt sogar nur die Hälfte kostet, zahlt man bei privaten Anbietern meist mehrere hundert Euro.

„Wir bieten vor allem Grundbildung und Querschnittsqualifikationen“, beschreibt Bernd Müller, Direktor der Volkshochschule Neukölln, sein Angebot. Schwerpunkte sind die Bereiche EDV, betriebswirtschaftliche Grundlagen, Sprachen und Sozialkompetenzen, die so genannten „Soft Skills“. Aber auch branchenspezifische Kenntnisse werden vermittelt (siehe Kasten). „Spezialwissen etwa in den Naturwissenschaften und Technik können wir nicht bieten“, so Müller.

Bei den IT-Kursen reicht das Angebot von der Textverarbeitung für Einsteiger über Bildbearbeitung bis zu verschiedenen Programmiersprachen für Fortgeschrittene. Auch die Berliner Lehrer lernen seit einigen Jahren an den Volkhochschulen, wie man Informationstechnologien sinnvoll im Unterricht einsetzen kann. Im Bereich der Soft Skills wiederum kann man sich interkulturelle Kompetenz aneignen oder das Verhandlungsgeschick trainieren. „Wer allerdings den Weg ins Management plant, wird eher einen Kurs bei einem privaten Anbieter besuchen“, sagt Müller.

Dass Spitzenleute Volkshochschulen meiden, liegt mitunter an zu großen Klassen und heterogenen Lerngruppen. So schneiden zum Beispiel VHS-Sprachkurse im direkten Vergleich mit privaten Anbietern nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest nicht alle optimal ab. „Bei unserem Test waren die Gruppen mit einer Mindestteilnehmerzahl von acht bis zwölf Teilnehmern recht groß“, berichtet Redakteurin Christina Engel. „Außerdem hatten wir den Eindruck, dass es den Teilnehmern häufig an Motivation fehlte, die Sprache wirklich gut und schnell zu lernen. Das drückte aufs Lerntempo.“ Ansonsten sei der Unterricht in seiner Methodik auf dem gleichen Stand wie bei den übrigen Anbietern, so die Expertin. Das Angebot reicht vom Auffrischungskurs in Business-Englisch mit Online-Lernphasen bis zum Mandarin-Chinesisch auf verhandlungssicherem Niveau. „Wir haben sehr gute muttersprachliche Dozenten und bieten die gleichen Zertifikate an wie die Goethe-Institute“, sagt Laurenz Ungruhe.

Um mit der beruflichen Weiterbildung an der Volkshochschule auch die Jobchancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, sollten die Teilnehmer jedoch darauf achten, dass sie zum Ende des Lehrgangs ein aussagekräftiges Zertifikat in den Händen halten. „Wichtig ist, dass das Zertifikat Rückschlüsse auf die vermittelten Inhalte zulässt“, sagt Erik Benkendorf, Sprecher der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg. Darauf haben sich die Volkshochschulen eingestellt. In so genannten „Xpert“-Lehrgängen bieten sie Prüfungen an, die deutschlandweit einheitlich sind. So können die Teilnehmer gegenüber ihrem Chef genau belegen, was sie gelernt haben.

Im kaufmännischen Bereich kann man etwa Kurse im Bereich Rechnungswesen mit der Xpert-Prüfung abschließen. Im Grundkurs „Finanzbuchführung“ lernt man, wie Bilanzen aufgebaut sind und wie man die Umsatzsteuervorauszahlung errechnet. „Dieses Angebot richtet sich auch an Selbstständige, die nicht wissen, wie man eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung macht“, erklärt der Neuköllner VHS-Direktor Müller.

Wer sich intensiver in das Thema Buchhaltung einarbeiten will, kann den Grund- und Aufbaukurs zusätzlich mit EDV und Finanzwirtschaft kombinieren und mit einem Zertifikat als „Fachkraft in der Finanzbuchhaltung“ abschließen. Dieses modulare Konzept habe einen entscheidenden Vorteil, meint Bernd Arnold, Leiter der bundesweiten Prüfungsstelle für das Xpert Business-Programm: „Man braucht weder bestimmte Vorkenntnisse, noch muss man Themen belegen, mit denen man sich schon auskennt. So stellt man sich ein individuelles Weiterbildungsprogramm zusammen.“ Doch einen Haken hat das Programm: Im Gegensatz zu den Prüfungen der Industrie- und Handelskammer sind die Xpert-Zertifikate nicht staatlich anerkannt.

Neben den hauseigenen Abschlüssen bieten einige Berliner Volkshochschulen jedoch auch Prüfungen in Zusammenarbeit mit Berufsverbänden an. Gemeinsam mit dem „Saalbau Neukölln“ und dem „Kulturnetzwerk Neukölln“ hat die örtliche VHS eine Weiterbildung zum Theaterpädagogen konzipiert, die vom Berufsverband Theaterpädagogik anerkannt ist. Der Abendlehrgang dauert insgesamt zwei Jahre und richtet sich sowohl an Pädagogen als auch Theatermacher. Für diese Weiterbildung müssen die Teilnehmer allerdings schon etwas tiefer in die Tasche greifen: Die beiden aufeinander aufbauenden Module kosten etwa 3200 Euro. Ein Sonderangebot ist das nicht mehr.

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