Karriere : Von der Vorlesung zum Jour Fixe Im ersten Job ist der Praxisschock häufig groß

Deike Uhtenwoldt (dpa)

Von der Uni ins Berufsleben ist es oft ein großer Schritt. Als sogenannte Highpotential hatte Carola Meyer eine strukturierte Einarbeitung erwartet. „Fehlanzeige!“, ist ihr Fazit. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin aus Augsburg wurde in ihren ersten Arbeitstagen als Mediaberaterin mit Büchern und schriftlichen Informationen abgespeist. „Verkaufserfahrung“ bekam sie durch das Mithören von Telefongesprächen, „Strategiekenntnisse“ durch die wöchentlichen Meetings. Diese Treffen waren Austragungsort diverser Machtkämpfe und weniger ein Diskussionsforum, beklagt Meyer. Doch sie ist überzeugt, dass dieser „Praxisschock“ fast zwangsläufig zum Berufseinstieg dazu gehört.

Als Praxisschock bezeichnen Karriereforscher die Neuorientierung in der Arbeitswelt, die von einem engen Zeitkorsett, von Hierarchien und Machtspielen geprägt ist. Am schwersten falle Jungakademikern der „Paradigmenwechsel bei der Zielsetzung“, sagt Andreas Eimer, Leiter des Career Service Münster: „Nicht mehr die Persönlichkeitsentwicklung und Qualifizierung stehen an oberster Stelle, sondern die Erfolge, die ich für das Unternehmen erziele.“ Dabei birgt der Start in den Job noch ganz andere Probleme. Flexibilität etwa ist gefragter denn je. Sie beginnt bei neuen Einstiegsformen über freie Mitarbeit oder Zeitarbeit und geht bis hin zur Wahl des Arbeitgebers. „Zu viele Absolventen bewerben sich nur bei den internationalen Konzernen“, bedauert Marion Rang von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) in Bonn. Dabei biete der Mittelstand oft schnellere Karrierewege.

Viele Stolpersteine gebe es auch in der Einarbeitungszeit, weiß Karriereberaterin Doris Brenner: „Die Absolventen wollen ihr Fachwissen beweisen und stürzen sich mit Akribie auf ein Thema.“ Dabei vergessen sie die Bedeutung der sozialen Integration, so die Ratgeberautorin: „Nur zehn Prozent der Arbeitsverhältnisse scheitern letztlich am Fachwissen. Ob jemand ins Team passt, ist dagegen entscheidend.“ Deike Uhtenwoldt (dpa)

Literatur: Doris Brenner: Schön, dass Sie da sind! Karrierestart nach dem Studium, Verlag Bildung und Wissen, ISBN: 978-3-8214-7662-9, 16,80 Euro; Dietrich von der Oelsnitz, u.a.: Der Talente-Krieg, Personalstrategie und Bildung im globalen Kampf um Hochqualifizierte, Haupt, ISBN 978-3-2580-7245-6, 29,90 Euro.

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