Warum sich Praxisorientierung lohnt : Gewusst wie

Berufserfahrung ist gefragt. Auch Studenten gehen immer öfter neben dem Studium in die Lehre.

Benjamin Haerdle

Für viele ist die Lehre nach der Schule der klassische Einstieg in die berufliche Karriere. Für Sarah Brendel war es wohl so etwas wie die letzte Chance. Nach ihrem Realschulabschluss an einer Waldorfschule bekam sie mit 18 Jahren ein Kind. Nach vielen unbezahlten Praktika bekam die 28-Jährige dann doch noch eine Lehrstelle. Heute ist sie im zweiten Lehrjahr zur Siebdruckerin. Dass sie in der Schule eine der ältesten ist, stört sie nicht. Beliebt ist sie trotzdem – die Schüler wählten sie sogar zur Schülersprecherin.

Bis zu zwei Wochen pro Monat sitzt sie auf der Schulbank der Berliner Ernst-Litfaß-Schule, dem Oberstufenzentrum für Druck- und Medientechnik in Reinickendorf. In der übrigen Zeit wird sie in dem gemeinnützigen Unternehmen „Union Sozialer Einrichtungen“ (USE) in Wedding in die Techniken des Siebdrucks eingeweiht. Dort lernt sie beispielsweise Aufkleber zu produzieren, sie schneidet mit dem Computer Klebefolien für Autos und bedruckt T-Shirts.

Brendels dreijährige Ausbildung in Schule und Betrieb, die „ Duale Berufsausbildung“, ist eine deutsche Besonderheit. „Das Modell gibt es wohl schon seit dem Mittelalter“, sagt Andreas Pieper vom Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb). Viel geändert hat sich da nicht: Den praktischen Teil der Ausbildung übernimmt ein Betrieb oder heute auch ein vom Staat geförderter Ausbildungsträger, den theoretischen eine Berufsschule. Für die Arbeit im Betrieb gibt es ein Entgelt. „Anstatt im Trockenen zu lernen, werden die Azubis direkt in die Prozesse der Arbeitswelt einbezogen“, erklärt Pieper den Vorteil. Hotelfachfrau, Chemielaborant, Bankangestellte, Dachdecker oder Elektroniker – insgesamt sind es rund 350 Berufe, die bundesweit in dualer Ausbildung angeboten werden. Und nicht nur Hauptschüler und Realschüler sind die Zielgruppe. Auch Abiturienten sind angesprochen und sogar die Hochschulen bieten inzwischen duale Studiengänge an. Denn: Praxiserfahrene Absolventen sind bei den Unternehmen gefragt. Nicht selten werden sie von den Ausbildungsbetrieben übernommen. „Sie kennen die realen Probleme“, erklärt Pieper ihren Bonus gegenüber schulisch ausgebildeten Absolventen.

Die Mischung aus Theorie und Praxis spricht viele theoriegeplagte Schulabgänger an. „Die Ausbildung macht mir Spaß. Es ist genau das, was ich machen möchte“, sagt auch Sarah Brendel. Haupt- und Realschüler, die sich für die duale Berufsausbildung entscheiden, haben in Berlin ein großes Angebot an branchenspezifischen Berufsschulen. Die Ernst-Litfaß-Schule ist eine Schule für Druck- und Medienberufe und eine von insgesamt 55 staatlichen Oberstufenzentren und Berufsschulen sowie etlichen weiteren privaten Einrichtungen, in denen derzeit rund 65 000 Jugendliche ihren Wunschberuf lernen. Außerdem gibt es Schulen, die etwa auf Bautechnik, Elektrotechnik oder Bekleidung spezialisiert sind. Einzige Voraussetzung für den Besuch der Schulen: Die Jugendlichen müssen einen Ausbildungsvertrag von einem Unternehmen vorlegen.

Auch für Abiturienten gibt es duale Angebote. Sie können sich nach der Schule etwa mit einem Ausbildungsvertrag an einer Berufsakademie (BA) an der Fachhochschule (FH) für Wirtschaft anmelden. Die Akademie ist der größte Anbieter dualer Studiengänge in Berlin und hat Bachelor-Studiengänge in Wirtschaftsinformatik, Handel, Industrie oder Immobilienwirtschaft im Programm.

Auch private Schulen haben sich inzwischen darauf eingestellt. Die im Frühjahr 2007 gegründete private „Internationale Berufsakademie“ bietet den kostenpflichtigen Studiengang Internationale Betriebswirtschaftslehre in verschiedenen Fachrichtungen an. Der Aufbau des dualen Studiengangs: Drei Monate pro Semester sind die Studierenden im Hörsaal, dann für die gleiche Zeit im Unternehmen.

Die Absolventen sind nach der dreijähriger Ausbildung sehr begehrt. „80 Prozent unserer Studierenden haben vor Ausbildungsende einen Arbeitsvertrag in der Tasche“, sagt Helmut Lück, Studienberater der FH-Berufsakademie. Gegenüber Absolventen von Fachhochschulen haben sie zwei Vorteile: „Sie haben viel Praxiserfahrung in ihrem Unternehmen gesammelt und sind, wenn sie die Hochschule mit rund 23 Jahren verlassen, gewöhnlich jünger als Fachhochschul-Abgänger“, sagt Lück. Das freue die Konzerne, da die Akademie-Absolventen beim Berufseinstieg auch weniger verdienten als ein 28-Jähriger, der von der Fachhochschule kommt.

Viele Unternehmen schätzen die Berufserfahrung der Absolventen dualer Ausbildungen, so auch der Berliner Abfallentsorger Alba. „Unsere Philosophie ist, alle Jugendlichen, die wir ausbilden, auch zu übernehmen“, sagt Francesca Menzebach, Managerin Human Resources bei Alba. Schließlich seien diese bestens mit dem Unternehmen vertraut. „Sollten die Azubis zudem Interesse an einer Fortbildung zeigen, so freut uns das natürlich. Und wir fördern es dann auch aktiv, zum Beispiel über ein Akademie-Studium in technischer oder betriebswirtschaftlicher Richtung“. Dies ermögliche auch interessante Karrieren, bis hin zu gehobenen Führungspositionen bei Alba.

Welche Pfade Sarah Brendels berufliche Karriere nehmen wird, weiß die angehende Siebdruckerin noch nicht. Fürs erste hofft sie, übernommen zu werden. „Ich würde schon gerne bleiben“, sagt sie. Die Chancen sind gut. Die meisten Azubis bleiben auch nach der Lehre beim Unternehmen.

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