Was taugt die Berufsberatung der Arbeitsagentur? : Aufs richtige Pferd setzen

Vier von fünf Jugendlichen lassen sich nach dem Schulabschluss bei der Arbeitsagentur beraten. Kritiker monieren, dass sie zu wenig über ihre Möglichkeiten erfahren.

Henning Zander

Alrun F. hat nur noch wenig Zeit. Es ist schon Juli und im September will sie eine Lehre beginnen. Sie ist 20 Jahre alt, mit der Fachoberschule, an der sie derzeit noch den Schwerpunkt Gestaltung belegt, ist sie nicht zufrieden. Sie möchte abbrechen und Tischlerin werden. Alrun F. ist an diesem Morgen eine der wenigen Menschen, die das Berufsinformationszentrum in der Friedrichstraße aufsuchen. Die Sommerferien haben begonnen, die Schulklassen, die sonst hier die Räume und Gänge bevölkern, bleiben aus.

Doch ihr Besuch dauert nicht lange. „Ich habe nachgefragt, wo ich Informationen bekomme, um mich auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten. Außerdem dachte ich, dass ich persönlich beraten werde, oder zumindest einen Beratungstermin ausmachen kann“, sagt Alrun F. Aber anstelle eines Termins bekommt die Schülerin eine Karte mit der allgemeinen Service-Nummer der Bundesagentur für Arbeit in die Hand gedrückt. Sie müsse sich an diese Nummer wenden, heißt es. Außerdem wird ihr der Vorschlag mit auf den Weg gegeben, sich wegen der Bewerbung erst einmal mit einer Freundin zusammenzusetzen, die in dieser Frage schon Erfahrung hat. „Das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt“, sagt Alrun F.

Viele Jugendliche suchen wie die 20-Jährige nach Orientierung auf dem Arbeitsmarkt. Doch obwohl die Beratung der Jugendlichen ein dringendes Anliegen ist, werden dafür nur wenige Mittel bereitgestellt. Gerade erst hat die Senatsverwaltung den Stundenumfang für das Fach Arbeitslehre gekürzt. Im Gymnasium wird es gar nicht unterrichtet. Die Jugendlichen müssen ihre Informationen aus anderen Quellen beziehen. Die Handwerkskammer Berlin hat eine eigene Ausbildungsberatung, in der über die verschiedenen Berufe, Ausbildungsinhalte und Anforderungen informiert wird. Auch die Industrie- und Handelskammer Berlin bietet einen solchen Service an. Die wichtigste Anlaufstelle für erste Informationen aber sind immer noch die Berufsinformationszentren und die Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit: Vier von fünf Schülern nutzen nach dem Schulabschluss das Angebot. 69 Prozent der Jugendlichen sagen, dass ihnen die Beratung Orientierung gegeben hätte. Doch viele Experten meinen, dass lange noch nicht genug getan wird. Die Berater haben allerdings auch keinen leichten Job.

Etwa 360 unterschiedliche Berufe gibt es derzeit in Deutschland und einen Wust von Spezialisierungen: Allein für den Beruf des Elektronikers zählt die IHK Berlin sechs verschiedene Varianten, die in einer Ausbildung erlernt werden können. „Beratung gewinnt in der jetzigen Situation immer mehr an Bedeutung“, sagt Alfred Töpper, Projektleiter Weiterbildung der Stiftung Warentest. Denn die Jugendlichen müssen darauf vorbereitet sein, in ihrem zukünftigen Erwerbsleben in immer neuen Feldern zu arbeiten. „Wir haben auf der einen Seite eine unglaublich starke Spezialisierung bei den Berufen und auf der anderen eine ebenso schnelle Veränderung der Aufgaben“, sagt Töpper. Doch: Die wenigsten Jugendlichen kennen sich in den Ausbildungsberufen aus. Populär sind überwiegend die Berufe, über die in den Medien berichtet wird. „Wir haben sehr viele Bewerber im Bereich der Informationstechnologie, damit können die Jugendlichen etwas anfangen“, sagt Norbert Giesen, zuständig bei Siemens Berlin für den Bereich Ausbildung. Aber kaum ein Bewerber könne die Aufgaben eines Mechatronikers beschreiben. „Wir haben in den technischen Berufen große Probleme Auszubildende zu finden, weil sie gar nicht darüber informiert sind, was sie in diesen Berufen machen müssen“, sagt Giesen. Die einzige Chance sieht er darin, stärker mit Schulen und Berufsberatern zusammenzuarbeiten, um gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Helga Ostendorf lehrt am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und hat sich in mehreren Forschungsprojekten mit der Qualität der Berufsberatung auseinander gesetzt. Ihr schwerster Vorwurf: Die Bedürfnisse von Mädchen und jungen Frauen werden in der Berufsberatung nicht erkannt. Die meisten Berater würden davon ausgehen, dass den Mädchen die Arbeitsumgebung und die Arbeitsinhalte besonders wichtig seien, sagt Ostendorf. „Viel höher bewerten die Mädchen allerdings die Frage nach Karrierechancen und dem Gehalt.“ Außerdem würden viele Berater die Karrierechancen für Mädchen in einem Beruf nach dem Anteil der Frauen bewerten und dementsprechend eher zu klassischen Frauenberufen raten.

„Natürlich muss ich darauf hinweisen, dass man es als Frau in bestimmten Berufen schwerer hat“, sagt hingegen André Süß, Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit. „Ich kann einem Mädchen, das sich für den Beruf der Bürokauffrau interessiert, nicht eine Maler und Lackiererlehre empfehlen.“ Süß berät am Tag zwischen acht bis zehn Jugendliche. Ein Gespräche dauert bis zu 45 Minuten. Zwischen drei bis fünf Termine nimmt ein Jugendlicher durchschnittlich wahr. Überwiegend sitzen ihm Hauptschüler und Realschüler gegenüber. Abiturienten kommen selten – und wenn dann höchstens einmal, sagt er. In der Kürze der Zeit versucht André Süß sich ein möglichst umfangreiches Bild von seinen Kunden zu machen. Vor dem Gespräch müssen die Jugendlichen einen Fragebogen mit Angaben über ihre Interessen und Fähigkeiten ausfüllen. „Ich schaue mir die Schulzeugnisse an und welche Praktika absolviert worden sind.“ Doch schwierig werde es immer dann, wenn ein Jugendlicher keine Vorstellung davon habe, in welche Richtung seine Interessen gehen. Leider sei das nicht selten der Fall. In etwa der Hälfte der Gespräche müsse er ganz von vorn anfangen, sagt Süß.

„Die Qualität der Berufsberatung kann ganz erheblich gesteigert werden, wenn man sich als Ratsuchender schon vorher ein wenig informiert hat“, rät Alfred Töpper von der Stiftung Warentest. Die Bundesagentur für Arbeit bietet hierfür ein spezielles Computerprogramm, mit dem nach Angabe von persönlichen Interessen Berufe vorgestellt werden – leider sind die Interessen so allgemein formuliert, dass bei den selben Antworten so unterschiedliche Berufe wie Änderungsschneider, Fluggerätemechaniker und Landwirt empfohlen werden. „Ein persönliches Gespräch kann durch nichts ersetzt werden“, sagt Töpper. Dafür lohnt es sich dann vielleicht ja doch, einige Zeit in der Warteschlange der zentralen Service-Nummer der Bundesagentur für Arbeit zu hängen.

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