Weiterbildung : Akademiker als Stimmenzähler

Akademiker können sich für die Markt- und Meinungsforschung fortbilden.

Anne Meyer
301531_0_a15ad584.jpg
Eine Frage der Technik. Wer Umfragen auswertet, muss in verschiedenen Untersuchungsmethoden fit sein. Foto: ddpddp

Heute Abend ist es so weit, dann werden erste Ergebnisse der Bundestagswahl bekannt gegeben. Wenn die ersten Hochrechnungen über die Fernsehbildschirme laufen, wird Jürgen Hofrichter besonders aufmerksam zuschauen. Denn dann zeigt sich, ob er seine Arbeit in den letzten Monaten gut gemacht hat: Hofrichter ist Meinungsforscher und leitet den Bereich Wahlforschung bei Infratest dimap. Das Berliner Institut stellt unter anderem die berühmte Sonntagsfrage für die ARD.

Weil Wahlumfragen nicht nur die Meinung der Befragten abbilden, sondern auch als einflussreich für den tatsächlichen Wahlausgang gelten, sind sie für die Parteien umso wichtiger. „Es werden immer mehr Umfragen gemacht“, so Hofrichter, der seit 16 Jahren in dem Beruf arbeitet, „die Branche wächst noch immer.“

Hofrichter hat Politikwissenschaften, Soziologie und international vergleichende Sozialforschung studiert und befasste sich bereits als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Mannheim mit empirischer Forschung. Das hieß schon damals: Fragebögen entwerfen, Interviews führen, Ergebnisse statistisch auswerten, interpretieren und präsentieren. Von der Uni wechselte er dann an ein Offenbacher Meinungsforschungsinstitut und schließlich zu Infratest dimap.

Die meisten Markt- und Meinungsforscher haben ein Soziologie-, Politologie- oder Verwaltungsstudium absolviert. Voraussetzung ist allerdings, dass sie sich im Studium mit empirischer Forschung beschäftigt haben. Diese Bedingung können allerdings nicht alle Studenten erfüllen, denn an vielen Universitäten steht die Empirie kaum auf dem Stundenplan. Wer trotzdem in die Branche einsteigen will, kann dieses Wissen auf anderen Wegen nachholen.

So vermittelt beispielsweise die Firma Comelio GmbH in zwei Tagen die Grundlagen der empirischen Forschung: Die Dozenten vermitteln unter anderem Grundwissen über Befragungstechniken, Datenanalyse und -präsentation. Vorausgesetzt werden grundlegende Kenntnisse der Mathematik. Der nächste Kurs findet am 29. und 30. Oktober in Berlin statt und kostet 970 Euro (www.comelio-seminare.com).

Und auch, wer das Standard-Statistikprogramm SPSS an der Uni nicht gelernt hat, kann das nachholen. Besonders preiswert ist das zum Beispiel in Kursen der Volkshochschule in Steglitz-Zehlendorf. Die Einführungs- und Aufbauseminare finden jeweils an einem Wochenende statt und kosten rund 70 Euro, ermäßigt 50 Euro. Vorausgesetzt wird der sichere Umgang mit Windows. Kenntnisse in dem Programm sind dem Anbieter zufolge nicht nur für Markt- und Meinungsforscher nützlich, sondern auch für Mediziner, Veterinärmediziner, Geologen und Biologen bis hin zu Geisteswissenschaftlern. Der nächste Kurs, in dem noch Plätze frei sind, beginnt am 4. Dezember (www.vhsit.berlin.de).

Gute Jobchancen in der Markt- und Meinungsforschung sieht Hofrichter in Berlin allerdings nicht nur bei den einschlägigen Instituten. „Auch Parteien und Verbände erheben Daten und werten sie aus.“ Entwicklungsmöglichkeiten sieht er vor allem in der Politikberatung und in der betrieblichen Marktforschung. Wenn Unternehmen neue Produkte einführen oder neue Marktbereiche erschließen möchten, beauftragen sie Marktforscher mit Markt- und Wettbewerbsanalysen – oder unterhalten eigene Marktforschungsabteilungen.

Wer in die Branche einsteigen will, müsse „ein Gespür für Zahlen haben und sich in die Problematik des Auftraggebers hineindenken wollen“, so Erich Wiegand, Geschäftsführer des Arbeitskreises Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute (ADM). „Man sollte Sachverhalte einfach formulieren und Umfragen so gestalten, dass auch die Oma sie versteht“, betont Hofrichter. Ebenso wichtig sei die richtige Untersuchungsmethode: „Telefonumfragen sind für manches tief gehende Problem nicht geeignet.“ Auch Online-Umfragen müssen mit Bedacht eingesetzt werden: „Bei Wahlumfragen würden sie allein nicht reichen, weil man so die wichtige ältere Wählergruppe nur begrenzt erreicht.“

Im Berufsalltag kommt es darauf an, die verschiedenen Arbeitsschritte im Auge zu behalten: Oft wird an mehreren Projekten gleichzeitig gearbeitet. Manchmal kommt aus aktuellem Anlass der Auftrag zu einer Blitzerhebung dazwischen. „Wenn dann ein Fernsehsender die Meinung der Bevölkerung zur Jugendkriminalität wissen möchte, müssen wir in kürzester Zeit vier bis sechs Fragen entwickeln. Von 15 bis 18 Uhr telefonieren wir, dann werden die Daten ausgewertet und die Ergebnisse in Fernsehgrafiken umgesetzt und ab 20.15 Uhr gesendet.“

Abgesehen von den Wahlforschern, die in den letzten Wochen gut beschäftigt waren, haben Marktforscher zurzeit mit einer gewissen Auftragsflaute zu kämpfen: „Die Krise ist an uns nicht vorbeigegangen, aber wir werden sie besser überstehen als viele andere Branchen“, sagt ADM-Geschäftsführer Wiegand. Das Geschäft mit Informationen werde weiter wachsen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar