Weiterbildung für Migranten : Zur Sprache gebracht

Selbst qualifizierte Migranten nehmen selten an Weiterbildungen teil. Für sie gibt es spezielle Angebote.

Christian Schnohr
Migranten Foto: Kleist-Heinrich
Nachfragen ist erlaubt in Kursen für Migranten. -Foto: Kleist-Heinrich

Kompliziertes Amtsdeutsch, zusammengesetzte Substantive und komplexes Fachvokabular: Selbst für deutsche Muttersprachler sind manche Weiterbildungen ein hartes Brot. Für Menschen mit Migrationshintergrund sind komplizierte Texte und Prüfungen kaum zu bewältigen – selbst bei guten Deutschkenntnissen. „Das Besondere an ihrer Lernsituation wird bei der Kursgestaltung kaum berücksichtigt“, sagt Monika Bethscheider von der Bundesagentur für Berufsbildung (Bibb). In einer kürzlich veröffentlichten Studie fand sie heraus: Ausländer nehmen prozentual seltener an Weiterbildungsmaßnahmen teil. Tendenz weiter abnehmend. Und dabei ist die Arbeitslosenquote unter Migranten etwa doppelt so hoch wie bei Deutschen.

„Scheinbar vergessen Bildungsanbieter, dass für viele Migranten Deutsch eine Zweitsprache ist“, meint Bethschneider. Zu den Sprachbarrieren kommen kulturelle Missverständnisse erschwerend hinzu: „Manchen Migranten gilt es als frech und unhöflich, sich bei Verständnisproblemen an den Dozenten zu wenden“, so Bethscheider. „Auch Wünsche und Kritik äußern sie nur selten und sehr vorsichtig.“ Noch dazu werden viele Teilnehmer an von der Bundesagentur für Arbeit geförderten Kursen wegen angeblicher Geldkappheit im Schnellverfahren durch den Unterricht geschleust: Die Inhalte der Weiterbildungen bleiben, die Kursdauer jedoch wird verknappt. Für Rückfragen ist seltener Zeit. Zudem seien nach den Ergebnissen der Bibb-Studie einige Dozenten nicht ausreichend geschult, um auf die speziellen Bedürfnisse einzelner Gruppen innerhalb des Kurses einzugehen.

Trotz aller Kritik gibt es auch eine Reihe spezieller Seminare für Migranten. Dabei werden Führungskräfte angesprochen, aber auch Schüler und Schulabgänger. So unterhält die Deutsche Industrie- und Handelskammer in einigen Bezirken Angebote für Migranten. Meist beziehen sie sich auf Berufsausbildungen für Jugendliche oder die Beratung ausländischer Unternehmer in Ausbildungsfragen. „Unser Lernmaterial wird gut verständlich aufbereitet“, sagt Knut Diekmann vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Außerdem gebe es bei den Seminaren verschiedene Leistungsgruppen.

Das Bildungswerk der Wirtschaft in Berlin und Brandenburg (bbw) veranstaltet Weiterbildungen für hochqualifizierte Migranten und Spätaussiedler. Voraussetzung für die Teilnahme am 8,5-monatigen Kurs ist, dass die Bewerber eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Hochschul-Diplom vorweisen, einen festen Wohnsitz in Berlin haben und momentan arbeitslos sind. Eine ausgiebige Coachingphase wird ergänzt durch eine spezifische Sprachvertiefung für Führungskräfte sowie Kurse im Bereich „Projektmanagement“. Hinzu kommen Betriebspraktika im europäischen In- und Ausland. Das Programm wird durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sowie den Europäischen Sozialfonds gefördert.

Weiterbildungen für Migranten vermittelt auch der Berliner Projektverbund „Kumulus Plus“. Der Zusammenschluss besteht aus elf Beratungs- und Bildungsorganisationen, die Menschen mit Migrationshintergrund bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützen. Ein Beispiel: Das Angebot „Mit Energie in die berufliche Zukunft“ richtet sich an Frauen. Ingenieurinnen, Technikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen aus Osteuropa, die über eine fundierte Ausbildung und oft jahrelange Berufserfahrung in ihren Herkunftsländern verfügen und in Deutschland keine Anstellung in ihren Ursprungsberufen gefunden haben, werden dort für den Arbeitsmarkt fit gemacht. Mit der Weiterbildung wird ihnen die Möglichkeit geboten, Grundlagen der Erneuerbaren Energietechnologien zu erwerben und sich mit Arbeitsfeldern und Berufsanforderungen zu beschäftigen.

Speziell an junge Frauen richten sich die Weiterbildungen am „Treff- und Informationsort für türkische Frauen“ (TIO) in der Neuköllner Reuterstrasse. Dort können junge Türkinnen sich zu ihrer beruflichen Zukunft beraten lassen und sich über einen Lehrgang auf einen Beruf im sozialen oder medizinischen Bereich vorbereiten. Gleichzeitig erwerben sie dort einen Schulabschluss.

In den Seminaren für Migranten kommt es vor allem auf die Leistung der Trainer und Dozenten an. Sie müssen didaktische und methodische Fertigkeiten besitzen, um schwierige Sachverhalte anschaulich rüberzubringen. Auch ein Maß an Sensibilität für kulturelle Unterschiede sei ein Muss. Im Rahmen der Bibb-Studie befragte Migranten wünschten sich zusätzliches Lernmaterial wie ein Glossar des Fachvokabulars oder ein entsprechendes Wörterbuch.

„Der Königsweg“, so Bethscheider, „integriert alle Teilnehmer und umfasst ein gemeinsames Lernen in angemessenem Tempo.“ Zudem sollten in begleitenden Zusatzstunden spezielle Vokabeln vermittelt oder Verständnisfragen erörtert werden. „Vereinzelt haben sich engagierte Dozenten freiwillig die Zeit für spezielle Arbeitsgruppen genommen.“ Ein großes Problem seien allerdings die Mittelkürzungen der Bundesagentur für Arbeit bei den Stundenlöhnen der Dozenten. Gute und engagierte Trainer würden daher an anderen Schulen arbeiten.

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