Weiterbildung : Lernen im Laufschritt

Wer den Spagat zwischen Beruf und Weiterbildung schafft, beweist Selbstdisziplin und gute Nerven

Viola Zech

„Bitte keine Einladungen für die nächsten eineinhalb Jahre. Ich kann sowieso nicht kommen.“ Das eröffnete Roland Krüger seinen Freunden, als er vor kurzem mit dem Studium anfing. Seit 1. April dieses Jahres besucht er den Aufbaustudiengang MBA-Real Estate Management, der von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (BBA) und der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin angeboten wird. Starke Nerven und viel Zeit sind da Grundvoraussetzung. Denn die Ausbildung ist berufsbegleitend: Roland Krüger muss neben dem anspruchsvollen Studium auch noch seinen Job in einem Berliner Dienstleistungsunternehmen meistern.

Nicht jeder, der sich weiterbilden will, hat das Glück, von seinem Arbeitgeber freigestellt zu werden oder ein Training am Arbeitsplatz zu bekommen. Stattdessen heißt es für die meisten Berufstätigen entweder Abendschule, Wochenendunterricht oder Pauken in Eigeninitiative mit Hilfe von Lernheften oder Internetkursen. Doch wer parallel zu Beruf und Familie noch einmal die Schulbank drücken will, der braucht ganz besondere Qualitäten.

Roland Krüger absolviert einen Unterrichtsblock pro Monat, der von Freitag bis Sonntag dauert. Hinzu kommen drei Präsenzphasen à zehn Tage im Jahr. Das erfordert viel Konzentration. „Nach mehreren Tagen intensiven Lernens nimmt man sich schon mal einen Tag Urlaub“, gesteht Roland Krüger. Doch wer einen anstrengenden Arbeitstag gewöhnt ist, für den sei der Unterricht am Stück eigentlich auch kein Problem. Zusätzlich lernen Krüger und seine Kommilitonen in Eigenregie – abends und an Wochenenden. Klausuren werden an der BBA geschrieben oder als „open book“ ins Internet gestellt. Die Lösung muss dann innerhalb von 24 Stunden online abgeliefert werden. Für Roland Krüger bedeutet das oft eine lange Nacht: „Ich sitze schon manchmal bis morgens um drei. Ein 40- bis 50-Jähriger lernt eben nicht mehr so schnell wie ein 20-Jähriger.“

Mit Mitte 40 ist der Berliner in einer solch zeitintensiven Bildungsmaßnahme allerdings eher die Ausnahme. Denn: „Je älter jemand ist, desto schwerer fällt es oft, ihn von der Wichtigkeit einer Weiterbildung zu überzeugen“, berichtet der Lernforscher und Psychologe Heinz Mandl von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Aber auf einer Ausbildung oder einem Studium könne man sich heute nicht mehr ausruhen. „Die Tendenz geht ganz klar zum lebenslangen Lernen. Junge Menschen akzeptieren das schneller als ältere“, sagt Mandl.

Doch egal ob Anfang 20 oder Mitte 50: Der Experte hält eine Mischung aus eigenständigem Lernen und Präsenzseminaren für besonders erfolgversprechend. „Wer beim Lernen immer sich selbst überlassen ist, muss schon ein sehr hohes Maß an Selbstdisziplin haben“, sagt Heinz Mandl. Besonders Schulungen im Bereich Kommunikation bräuchten unbedingt auch Präsenzphasen.

Anders kann das zum Beispiel im Bereich IT aussehen. Ilona Molz jedenfalls verzichtet bei ihrer sechsmonatigen Weiterbildung zum staatlich geprüften Webmaster ganz auf Präsenzunterricht. Aufgaben kann sie sich im Internet herunterladen. Mit anderen Lernenden tauscht sie sich über Foren aus. Und per E-Mail stehen ihr jederzeit Betreuer zur Seite; auf eine Antwort muss sie nur wenige Stunden warten. Mit dieser Hilfestellung kann sie dann allein weiterarbeiten. „Der Lerneffekt ist wirklich sehr gut. Denn was man sich eigenständig erarbeitet, vergisst man nicht mehr so schnell“, findet die 52-Jährige. „Man kann sich eben nicht in ein Seminar setzten und sich berieseln lassen“. Ilona Molz muss es wissen: Sie ist selbst IT-Trainerin und unterrichtet an Volkshochschulen.

Ein weiterer großer Vorteil des E-Learnings sei, dass sie sich ihre Zeit selbst einteilen und von zu Hause aus lernen kann, sagt Molz. Auf diese Weise erarbeitet sie sich selbstständig HTML, Java und Webdesign. Gut fünfzehn bis zwanzig Stunden pro Woche nimmt die Weiterbildung in Anspruch. Und wie bei allen Onlinekursen gilt: Die erforderliche Technik muss sicher beherrscht werden. „Wer sich mit dem Internet und allem was dazugehört nicht auskennt, für den ist eine solche Weiterbildung nichts“, stellt Ilona Molz klar.

Das kann auch Lernforscher Heinz Mandl bestätigen: „Eine Affinität zu Technik ist sehr wichtig, sonst ist die Frustration beim Lernen groß.“ E-Learning- Kurse würden deshalb häufig von jungen Menschen besser angenommen.

Wer nach dem Job noch abends paukt – etwas das Abitur oder das Fachabitur an einer Abendschule nachholt – muss zwar sehr diszipliniert sein, ist dann jedoch bestens gerüstet, findet Mandl. „Leute, die das schaffen, sind hoch motiviert und zukünftig gut darauf vorbereitet, mit Stresssituationen umzugehen“.

So wie Tina Legler. „Wenn du es jetzt nicht machst, machst du es nie“, sagte sich die Berlinerin und begann vor einem Jahr an der Kläre-Bloch- Abendschule in Wilmersdorf, das Fachabitur im Bereich Wirtschaft nachzuholen. Bisher hat sie es nicht bereut. Insgesamt zwei Jahre lernt Legler nun drei Tage die Woche abends jeweils drei Stunden. Hinzu kommen Hausaufgaben und die Vorbereitung auf Klausuren – und das neben einer 40-Stunden-Woche als Bürokauffrau. Der Unterricht macht ihr viel Spaß, mehr als früher in der Schule. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis sei gut, der Stoff spannend und mit hohem Praxisbezug erzählt sie. Und: „Alle sind freiwillig hier. Das heißt, dass auch keiner stört. Stattdessen gibt es interessante Diskussionen zu aktuellen Themen. Da vergehen die drei Stunden am Abend wie im Flug.“

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