Karriere : Wir sind drüben!

Arm, trostlos? Mit viel Geld wollen die Ost-Unis Vorurteile beseitigen und Studenten aus dem Westen anlocken. Ein Besuch in Leipzig

Max Haerder

Das alles hatte sich Julia Schwenkenbecher irgendwie anders vorgestellt. Grauer, das auf jeden Fall, maroder auch. Jedenfalls nicht so, wie hier oben auf dem Dach des City-Hochhauses, wohin die Uni Leipzig sie zusammen mit den anderen angehenden Studenten geführt hat. Mit einem Sekt in der Hand und Wind in den Haaren stellt sich die blonde Bremerin zum ersten Mal ernsthaft die Frage: Rüber zum Studieren, weg aus ihrer backstein-beschaulichen Heimat? Warum eigentlich nicht?

Von hier oben, im Licht des Sommers, sieht der Osten nämlich prächtig aus: Gründerzeitdächer, Wälder, in der Ferne das Völkerschlachtdenkmal, unter ihr Europas größter Kopfbahnhof. Der überwältigende Blick ist nichts als Strategie des Gastgebers. 100 000 Euro hat die Uni Leipzig in diesem und im kommenden Jahr zur Verfügung, um bevorzugt westdeutsche Abiturienten in die sächsische Großstadt zu locken. Für ihr Konzept „Abenteuer FernOst“, gewann die Uni den ersten Platz beim Wettbewerb der Hochschulinitiative Neue Länder. Im Rahmen der Dachkampagne „Studieren in Fernost“ verteilen Bund und ostdeutsche Länder insgesamt zehn Millionen Euro, um Werbung für den akademischen Osten zu machen. Da darf es auch mal Sekt sein.

Zweimal drei Tage lang bietet die Universität Leipzig ihr Abenteuer an: zwei Nächte im Hostel, Essen, Getränke, eine Stadtrundfahrt, Kneipentouren, jede Menge Information – für schlappe 99 Euro. So viel Aufmerksamkeit und Betreuung sind deutsche Uni-Bewerber nicht gewohnt. Aber wenn sich Julia Schwenkenbecher am Ende der drei Tage in Leipzig einschreibt, hätte sich der Aufwand gelohnt.

Denn die ostdeutschen Unis haben Nachwuchssorgen: Die Demografie arbeitet gegen sie, die heimischen Abiturienten werden weniger. Weil aber viele westdeutsche Länder in den kommenden Jahren auf die zwölfjährige Schulzeit umstellen, drängen dort besonders zwischen 2011 und 2013 doppelte Abi-Jahrgänge an die Unis. Um dieser Flut Herr zu werden, haben Bund und Länder den Hochschulpakt beschlossen: Zehntausende neue Studienplätze werden mit etwa einer Milliarde Euro aufgebaut.

Die Leipziger Kampagne ist der Versuch, diesen West-Überfluss in die leerstehenden Kapazitäten des Ostens zu leiten. Eine aufwändig produzierte Webseite mit schrillen Videos versucht, das neue Bild des Ostens zu transportieren. Es ist ein Manöver mit ungewissem Ausgang: Wenn keiner kommt, versiegen die Millionen aus den Fördertöpfen. So will es der Pakt. Dann bliebe irgendwann doch nur noch der Rückbau Ost.

So weit soll es nie kommen. Die Tour, die aus ostdeutschem Hinterland akademisches Morgenland machen soll, beginnt an einem sonnigen Mittwoch im August. 86 Abenteuersuchende haben sich auf dem Innenhof des Campus Augustusplatz eingefunden. Die Grüppchen stehen noch etwas unsicher um eine Leibniz-Statue herum, links die Männer, rechts die Frauen. Es sind die Besetzungen aus den Mehrbettzimmern, die am Vormittag bezogen wurden. Erste zögerliche Kontaktaufnahmen. Julia Schwenkenbecher ist eine von ihnen. In Australien war die 20-Jährige für einige Monate, sie ist lässig, selbstbewusst. Ob der Osten zu ihr passt? „Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon Vorurteile.“

Ein paar Meter weiter steht W. Seine Hände hängen ziemlich skeptisch in den Hosentaschen, erst mal gucken, abwarten. Die Freunde zu Hause in Schweinfurt haben nicht gerade geholfen. Von denen kamen nur Sprüche: „Du gehst rüber? – und solche Sachen halt.“ Die neuen Zimmerbekanntschaften um ihn herum nicken still. Da sind sie sich schnell einig: Mit Lissabon oder L.A. lässt sich Eindruck machen, Leipzig erzeugt Mitleid. Wenn''s hochkommt. Nur neun Prozent der westdeutschen Schüler können sich den Osten überhaupt als Studienort vorstellen, ergab eine Studie der Hochschulinitiative Neue Länder. Arm, trist, trostlos, lautet der Dreiklang der Vorurteile. Hochschulpakt hin und Fördermillionen her, da bleibt viel, sehr viel Überzeugungsarbeit.

Drei studentische Guides in orangenen T-Shirts nehmen diesen Nahkampf am Mittwochmittag auf. Die Abenteuer-Gäste trotten hinterher: Dutzende Rucksäcke, Sonnenbrillen und Turnschuhe, dazu für alle die orange leuchtende Abenteuer-Tasche voller Info-Material. Sie zeigen das Paulinum, eine Rekonstruktion der einst gesprengten Paulinerkirche durch den niederländischen Stararchitekten Erick van Egeraat. Die Reaktionen sind wie gewünscht. „Ich bin echt überrascht“, sagt W., der gerne Sozialwissenschaften studieren würde. Vor Ort sieht es eben ein bisschen anders aus. Julia Schwenkenbecher, die sich für Kommunikations- und Medienwissenschaften beworben hat, hat schon Anschluss gefunden.

Die Guides lassen wie beiläufig die Namen der Alumni fallen: Goethe natürlich, die Fernsehjournalistin Maybritt Illner. Und da, an der Moritzbastei, einer Festungsanlage und heute größten Studikneipe Deutschlands, hat die junge Angela Merkel bei der Renovierung Ziegelsteine geschleppt. Große Augen.

Die handfesten hochschulpolitischen und finanziellen Interessen, die hinter der Leipziger Charmeoffensive stecken, bleiben ihnen verborgen. Obwohl im Osten renovierte und gut ausgestattete Hochschulen warten, können sich nur die westdeutschen Standorte vor Bewerbern kaum retten. Für die meisten Studenten ist die Nähe zu den Eltern immer noch das entscheidende Kriterium. Ansonsten zählt der Ruf der Universitäten. Und keine einzige Elite-Uni steht in den neuen Bundesländern.

„Wir haben hier zwar kein wirkliches Problem, aber eines mit dem Image“, sagt auch Nancy Beyer, die Organisatorin des Projektes. „Wer nicht im Osten war, kann das vorgefertigte Bild nicht brechen.“ Sie hat selbst in Leipzig studiert. „Unser Konzept soll dieses Defizit beheben.“

Und so wird an Fördermitteln nicht gespart. Der Osten, das klingt wie das studentische Schlaraffenland: keine Studiengebühren, niedrige Mieten, große Wohnungen, billige Drinks. Das alles neben der Ausstattung der Uni und den guten Betreuungsverhältnissen. Die Abiturienten müssten nur noch zugreifen.

Am zweiten Tag werden die angehenden Studenten in der „Roten Rübe“, die mal ein Bus der Berliner Verkehrsbetriebe war, drei Stunden lang durch Leipzig kutschiert. Vornehme Altbaufluchten, stille Kanäle, dazu wohldosierte Geschichte. Es wird auf die Schulter getippt – „Da will ich wohnen!“ –, geknipst.

Im Clara-Zetkin-Park, der ersten Pause des Tages, beginnt bei W. das Abwägen. Hier, so sein Fazit der ersten Nacht, ginge ja wohl doch mehr als in seiner Uni-Alternative Würzburg. Da können die Kumpels zuhause mal schön reden. Und: „Das Finanzielle ist schon mitentscheidend.“ Julia sitzt mit ihrer neuen Zimmerbekanntschaft ein paar Meter weiter am Tisch und diskutiert die Vorzüge möglicher Wohnviertel: „Bei mir ist das Bauchgefühl wichtig.“

Zurück in Bremen und Schweinfurt sind die Entscheidungen gefallen. Julia Schwenkenbecher und W. füllen den Immatrikulationsbogen aus, falten ihn und frankieren einen Umschlag. Am Ende schreiben beide die gleiche Postleitzahl aufs Papier: 04109.

Beitrag aus der Oktoberausgabe von „Junge Karriere“

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