Wirtschaft im Hoch : Rosa Perspektive

Zeit zum Verhandeln: Mit dem Aufschwung steigen auch die Chancen auf ein höheres Gehalt oder einen besseren Job – ein Ratgeber für Arbeitnehmer.

Henning Zander
Aufschwung
Arbeitsmarkt: Sich umzusehen, kann sich lohnen. -Foto: Spiekermann-Klaas

Ingenieure sind knapp. Auch Service-Techniker und Monteure kann der Aufzughersteller Schindler gut gebrauchen. Doch es ist gar nicht so einfach, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, denn der Fachkräftemangel ist in der Branche keine leere Phrase, der Markt so gut wie leergefegt. Das Unternehmen muss sich etwas einfallen lassen, um neue Fachkräfte zu gewinnen und die Mitarbeiter zu halten. So bietet Schindler zum Beispiel jungen Ingenieuren ein internationales Talentprogramm, berichtet Arbeitsdirektorin und Geschäftsführerin Gabriele Sons. Sechs Jahre dauert das Programm, Auslandsaufenthalt inklusive. Nach dem Abschluss ist eine Führungsposition zugesichert.

Der konjunkturelle Aufschwung bringt Unternehmen plötzlich in Zugzwang: Im Wettlauf um Talente müssen sie einiges bieten. Und: Das betrifft nicht nur das Werben um Ingenieure.

„Quer durch alle Branchen haben Headhunter Konjunktur“, stellt Jürgen Below, Geschäftsführer von Kienbaum Berlin fest. In der boomenden Chemieindustrie oder in der Informationstechnologie werden Mitarbeiter knapp – und die Gehälter wieder höher. Unternehmensberatungen kämpfen um die Topleute. Immer noch werden Controller gesucht. Absolventen der Betriebswirtschaft werden mit hohen Einstiegsgehältern gelockt. Fach- und Führungskräfte in den Branchen Pharma und Life Science verdienen nach einer Kienbaum-Studie von April 2006 bis April 2007 um 3,9 Prozent mehr. Und auch dort, wo Mitarbeiter lange Zeit finanziell zurückstecken mussten, ist die Ausgangslage gut. „Nach einer schwierigen Phase im Maschinen- und Anlagenbau besteht hier wieder genügend Masse für Verhandlungen“, sagt Jürgen Below. Selbst in der lange krankenden Baubranche sind Mitarbeiter rar. Doch nicht nur Fach- und Führungskräfte können von der Situation profitieren, sondern auch Verwaltungsmitarbeiter, Dienstleister oder Handwerker, die in den wachsenden Märkten tätig sind.

„Für Mitarbeiter ist dies ein guter Zeitpunkt, um endlich mit lange verschobenen Anliegen bei ihrem Chef vorzusprechen“, sagt Erika Otto von der Personalberatung SCS in Düsseldorf. Beförderung, Gehaltserhöhung, Schulungen, Zulagen – die Chance sollte jetzt genutzt werden. Denn das Totschlagargument der schlechten Geschäfte bei mieser konjunktureller Lage, mit denen solche Anfragen sonst gerne abgeschmettert werden, funktioniert angesichts hervorragender Zahlen in vielen Branchen nicht mehr. Und wo Fachkräfte fehlen, ist man selbst nicht mehr so leicht austauschbar.

Der Verweis auf die gute Konjunktur ist jedoch als Begründung für eine Gehaltserhöhung oder sonstige Extras ungeeignet. „Hier zählt nur die eigene Leistung“, sagt Erika Otto. Welche Projekte wurden verwirklicht? Gab es einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand? Hat man zu einem besseren Geschäftsergebnis des Unternehmens beigetragen? Erika Otto rät davon ab, die persönliche Lebenssituation, etwa Heirat, Kinder oder Hauskauf zum Thema zu machen. „Darauf gibt es im Regelfall den Hinweis, dass ein Unternehmen keine karitative Einrichtung ist“, sagt sie.

Ein solches Gespräch will gut vorbereitet sein. „Man sollte keinen Wunschzettel aufstellen, wichtiger sind zwei bis drei klare Gehaltsvorschläge“, sagt Jürgen Below von Kienbaum. Er betont das Wort „Vorschläge“, denn wer gegenüber dem Vorgesetzten eine „Forderung“ stelle, stoße auf taube Ohren. Der Zuschlag ist Verhandlungssache und muss sich im Rahmen des festgeschriebenen oder informellen Gehältergefüges bewegen. Man sollte über geltende Tarifverträge informiert sein. Innerhalb eines Unternehmens seien Gehaltssprünge über zehn Prozent oft unrealistisch, meint Erika Otto.

Sinnvoll ist es auch, sich vor Verhandlungen zu überlegen, welche Extras man anstelle oder ergänzend zu einer Gehaltserhöhung vorschlagen könnte. Wer oft mit der Bahn fahre, könne etwa nach einem Firmenticket fragen, sagt Jürgen Below. Der Vorteil: Bis zu einem gewissen Grad sind solche Extras steuerfrei. Sei es der Gutschein für ein Weiterbildungsseminar oder Essen in der Kantine – solche Extras zahlen sich netto für den Mitarbeiter aus. Wer beim Chef nach einer Weiterbildung fragt, zeigt außerdem Engagement.

In den guten Zeiten lohnt es sich auch seinen Marktwert abzuchecken: Wie gut sind die Chancen auf einen besseren, höher bezahlten Arbeitsplatz in einem anderen Unternehmen? Die gesuchten Ingenieure sind hier im Vorteil. Sie können beim Wechsel mit ordentlichen Zuschlägen rechnen. Doch ganz so einfach lässt sich dieser nicht immer verwirklichen. „Wer kündigen will, um bei einem anderen Unternehmen anzufangen, sollte sich zuerst über die vorgeschriebenen Fristen erkundigen“, sagt Arbeitsrechtler Peter Groll aus Frankfurt am Main. Denn auch wenn fristlos gekündigt wird, gilt bis zum Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist ein vertragliches Wettbewerbsverbot. „Wenn der ehemalige Mitarbeiter in dieser Zeit schon bei der Konkurrenz anfängt, kann das Unternehmen gegebenenfalls Schadenersatz fordern.“ Kein guter Start in das neue Arbeitsverhältnis. Der zeitnahe Wechsel zur Konkurrenz kann außerdem durch nachvertragliche Wettbewerbsverbote verhindert werden, die im Arbeitsvertrag festgelegt sind.

Der Aufzughersteller Schindler macht sich keine Sorgen, dass Mitarbeiter zur Konkurrenz wechseln. „Wir haben eine sehr niedrige Fluktuation“, sagt Arbeitsdirektorin Gabriele Sons. Dennoch hat das Unternehmen einen Plan in der Schublade, der skizziert, welche der jüngeren Mitarbeiter innerhalb kurzer Zeit eine Führungsposition besetzen könnten. Für den Fall der Fälle.

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