Karriere : Wo Lernen Tradition hat

1902 eröffnete in Berlin die erste Volkshochschule. Heute kann man sich dort sogar in Online-Kursen weiterbilden

Maria Marquardt

Wer im Beruf mithalten oder gar groß Karriere machen will, sieht sich immer wieder mit neuen Herausforderungen und Entwicklungen konfrontiert. Solange Unternehmen ein Interesse an der Fortbildung ihrer Mitarbeiter haben, bieten sie diesen meist gute Möglichkeiten, sich weiter zu qualifizieren. Wer dieses Angebot nicht hat und selbst aktiv werden muss, findet bei den Volkshochschulen (VHS) eine nahe liegende – und noch dazu kostengünstige – Alternative.

Jeder der zwölf Berliner Bezirke hat eine eigene Volkshochschule mit eigenem Programm. Sie alle widmen der beruflichen Weiterbildung einen separaten Kursbereich. „Das Klischee des Töpferkurses ist längst passé“, meint Michael Constantin von der VHS Reinickendorf, der dort den Themenblock „Arbeit und Beruf“ managt. Die Volkshochschulen gehören mit ihrem umfangreichen Angebot längst zu den etablierten Anbietern auf dem Weiterbildungsmarkt.

Zum Kernangebot im Bereich Arbeit und Beruf zählen EDV- und IT-Lehrgänge. Sie reichen von Anfängerkursen, die in bestimmte Programme einführen, bis zum Programmieren und der Webseitengestaltung. Einen weiteren Schwerpunkt bilden betriebswirtschaftliche Lehrgänge wie Buchführung, Lohn- und Gehaltsabrechnung oder Marketing. Selbstständigen sollen spezielle Seminare bei der Existenzgründung helfen. Jutta Richter, kommissarische Leiterin der VHS Treptow-Köpenick, sieht auch das Training sozialer Fähigkeiten als Teil der beruflichen Weiterbildung. An ihrer Schule werden etwa Kurse zu Rhetorik, Teamarbeit, Stimmbildung und Konfliktmanagement angeboten. Etwa 30 000 Menschen haben im vergangenen Jahr Seminare zur beruflichen Weiterbildung an den zwölf Berliner Volkshochschulen besucht, so Richter. Allein in Treptow-Köpenick wird rund ein Viertel des Angebotes dem Bereich berufliche Bildung zugeordnet.

Einen großen Vorteil der Volkshochschulen gegenüber privaten Anbietern sieht die VHS-Leiterin in den vergleichsweise niedrigen Kursgebühren, die auch durch die öffentliche Trägerschaft ermöglicht werden. So kostet etwa ein einwöchiger EDV-Grundlagenkurs circa 100 Euro. Arbeitslose und Hartz IV-Empfänger erhalten Ermäßigung und zahlen rund die Hälfte.

Neben geringeren Kosten sei auch die gute Erreichbarkeit der Unterrichtsorte ein großer Pluspunkt, meint Bildungskurs-Manager Constantin. Denn die Kurse der Volkshochschulen finden nicht nur an den Standorten selbst statt, sondern auch in Schulen oder Nachbarschaftszentren. „Wir wollen nah am Bürger sein“, erklärt Constantin. Die privaten Anbieter sieht er nicht in erster Linie als Konkurrenz, sondern als Ergänzung: Diese würden oft Schulungen im Auftrag der Arbeitsagenturen machen, während die VHS lernbegeisterte Bürger anziehe. So seien etwa ein Drittel der Teilnehmer der beruflichen Fortbildungskurse Studenten, ein weiteres Drittel Angestellte von Unternehmen. Der Rest bestehe aus anderen Interessierten, etwa Menschen auf Jobsuche.

Für Arbeitnehmer dürften die VHS- Kurse auch im Hinblick auf Bildungsurlaub interessant sein. Wie in zehn weiteren Bundesländern haben Beschäftigte in Berlin und Brandenburg Anspruch auf bezahlten Urlaub für die persönliche Weiterbildung – bis zu zehn Tage innerhalb von zwei Jahren. Die Schulung muss selbst bezahlt werden. Bei den Kursbeschreibungen im Internet weisen die Volkshochschulen darauf hin, ob die jeweiligen Lehrgänge als Bildungsurlaubsveranstaltungen anerkannt sind.

Trotzdem werde diese Möglichkeit eher selten genutzt, sagt Günter Ackermann, der bei der VHS Lichtenberg für das Themenfeld Arbeit und Beruf zuständig ist. Einen Grund sieht er in der mangelnden Bereitschaft der Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter freizustellen. Besonders mehrtägige Intensivkurse, die acht Stunden täglich dauern, seien deshalb für Arbeitnehmer schwer zu realisieren. Um Weiterbildung in den Betrieben zu fördern, bieten die Volkshochschulen kleineren Firmen auch die Organisation von Kursen exklusiv für ihre Mitarbeiter an. „Unsere Dozenten können maßgeschneiderte Lehrgänge an unseren Standorten oder in den Betrieben selbst durchführen“, sagt Michael Constantin von der VHS Reinickendorf.

Mehr Unabhängigkeit von Ort und Zeit sollen auch so genannte E-Learning- Kurse bringen. Auf einer Lernplattform im Internet können die Teilnehmer Lektionen und Übungsaufgaben abrufen und mit dem Kursleiter und anderen Teilnehmern Kontakt aufnehmen. Die VHS Treptow-Köpenick etwa hat bereits erfolgreich komplette Online-Kurse angeboten. Die Lernplattform kann aber auch eine Ergänzung zu herkömmlichen Kursen sein. „Viele Leute möchten gerne von einem Menschen lernen“, sagt Bildungsmanager Constantin. In der Gruppe zu arbeiten und Kontakte zu knüpfen sei oft ein wichtiger Entscheidungsgrund für einen VHS-Kurs. Vor allem manche Sprachkurse hätten sich über die Jahre zu eingeschworenen Gemeinschaften entwickelt, die auf hohem Niveau lernen.

Dafür sorgen nicht zuletzt die Dozenten. Fast immer sind es Freiberufler, die an den Volkshochschulen und auch an privaten Instituten lehren. Andere geben neben ihren festen Jobs Kurse am Wochenende. Ein Hochschulabschluss wird meist vorausgesetzt, um Kursleiter zu werden. Fortbildungen sollen die Standards sichern. 2005 haben alle Berliner Volkshochschulen mit der „lernerorientierten Qualitätstestierung in der Weiterbildung“ (LQW) auch ein unabhängiges Gütesiegel erhalten.

Mit ihren so genannten „Xpert“-Lehrgängen haben die Volkshochschulen darüber hinaus selbst eine Marke entwickelt unter der sie in ganz Deutschland standardisierte Kurse und Prüfungen anbieten. Durch bundesweite und teilweise auch in Europa anerkannte Abschlusszertifikate sollen die Teilnehmer ihre erworbenen Kompetenzen klar aufzeigen können.

Und auch Berliner Lehrer drücken an den Volkshochschulen wieder die Schulbank: Im Rahmen des „ Masterplans eEducation“ werden sie für den Umgang mit Informationstechnologien fit gemacht, um diese im Unterricht einzusetzen.

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