Zeitmanagement : Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben

Vier Stunden Arbeit pro Woche? Utopisch? Nein, sagt Timothy Ferriss. Der Unternehmer und Weltenbummler erklärt, wie man Zeitfresser eliminiert - und mehr vom Leben hat.

Herr Ferriss, Ihr Buch ist ein weltweiter Erfolg und wurde bislang in 26 Sprachen übersetzt. Steckt dahinter ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel in der Art, wie wir über Arbeit denken?

Ich glaube, das Buch spricht zwei grundlegende Phänomene an. Erstens: Das Modell von Arbeit als ein Ort, an den man für eine festgelegte Zahl von Stunden geht, ist heute obsolet. Man kann seinen Chef und auch die Kollegen daran gewöhnen, Arbeit als die Ergebnisse zu betrachten, die man produziert. Dadurch eröffnet sich eine ganze Welt von Möglichkeiten. Zweitens: Während immer mehr Mitglieder der Babyboomer-Generation in Rente gehen, merken die Menschen, dass der Ruhestand kein Ausgleich sein kann für ein unerfülltes oder langweiliges Leben. Man will nicht mehr alle schönen Dinge fürs Ende aufsparen. Die Umverteilung des Ruhestandes über das ganze Leben – viele „Mini-Ruhestände“, wie ich das nenne – wird im nächsten Jahrzehnt eine große Veränderung im Verhalten der Menschen ausmachen. Aber man kann jetzt schon damit anfangen.

Sie behaupten, man könne sich ein traumhaftes Leben „designen“, mit langen Weltreisen, interessanten Hobbys und ohne Bürostress. Wie geht das?

Legen Sie das monatliche Zieleinkommen für Ihren Traum-Lebensstil fest. Rechnen Sie aus, welches stündliche Einkommen Sie dafür brauchen. Und dann fangen Sie an, strategisch Dinge zu eliminieren, die Sie davon ablenken. Ziehen Sie Aktivitäten ab, bevor sie neue dazu addieren.

Einer Ihrer Tricks soll sein, virtuelle persönliche Assistenten in Indien mit unangenehmen Routineaufgaben zu beschäftigen und die dort niedrigeren Löhne zu nutzen. Das klappt aber doch nur, wenn man Englisch spricht.

Als Deutscher können Sie vielleicht nicht nach Indien oder auf die Philippinen outsourcen. Aber es gibt Tausende deutschsprachiger Menschen in Polen und anderen osteuropäischen Ländern, die man über Websites wie www.elance.com kontaktiert. Diese Assistenten werden Ihre zeitintensiven geschäftlichen und persönlichen Aufgaben für die Hälfte Ihres Stundenlohnes oder weniger erledigen.

Ob das so wahnsinnig alltagstauglich ist, wagen wir zu bezweifeln.

Diese Art von persönlichem Outsourcing ist nur ein Beispiel. Es gibt Dutzende Optionen in meinem Buch. Outsourcing ist nicht unbedingt notwendig, um sich den Traum-Lebensstil zu designen, sondern es ist eine Vorspeise eines abwechslungsreichen Menüs. Meine Prinzipien sind nicht auf bestimmte Länder begrenzt, wie man ja am Bestsellerstatus des Buches von Großbritannien bis Japan sieht.

Sie behaupten, man muss nur noch vier Stunden pro Woche arbeiten, wenn man ungehorsam ist. Was hat das miteinander zu tun?

Nachrichten und Informationen sind exzellente Sklaven, aber schreckliche Herren. 27 Prozent aller Blackberry-Nutzer checken ihre E-Mails alle fünf Minuten. Wer so etwas tut, ist zum Sklaven eines Effizienz-Prozesses geworden, statt ihn zu beherrschen. Das ist kein neues Konzept in Deutschland, aber eines, das oft vergessen wird. Ein unnütz Leben ist ein früher Tod, hat schon Goethe gesagt. Er war kein Bewahrer des Status quo.

Müssen wir also die protestantische Arbeitsethik loswerden?

Keineswegs. Ich habe nichts dagegen, hart zu arbeiten, aber nur, wenn es um die richtigen Dinge geht. Warren Buffett arbeitet hart, aber er hat klare Prioritäten und Regeln, um teure Ablenkungen zu vermeiden. Denken Sie daran, dass Zeit eine nicht erneuerbare Ressource ist. Wenn sie weg ist, ist sie weg.

Wenn ich morgen eine Sache ändern sollte, um mit meinem Berufsleben glücklicher zu sein – welche wäre das?

Machen Sie zuerst eine 80/20-Analyse, womit Sie Ihre Zeit verbringen. Welches sind die 20 Prozent an Aktivitäten und welches die 80 Prozent an Ablenkungen und Unterbrechungen, die den Großteil Ihrer Zeit verbrauchen? Benutzen Sie ein Programm wie www.rescuetime.com, wenn Sie müssen, aber finden Sie heraus, was Ihre produktive Zeit auffrisst. Dann schreiben Sie die zwei bis vier schlimmsten Zeitfresser auf eine „Not-to-do-Liste“, und schauen Sie jeden Morgen darauf. Versuchen Sie erstmal, diese Dinge einen bis zwei Tage lang nicht mehr zu tun. Und wenn ich eine zweite Sache ergänzen dürfte, wäre es diese: Checken Sie Ihre E-Mails erst ab elf Uhr vormittags und erledigen Sie in der gewonnenen Zeit lieber die unangenehmen Aufgaben, um die Sie sonst einen Bogen machen.

Es gibt viele Konzepte des Zeitmanagements und der Effizienzsteigerung. Warum sollen wir Ihrem folgen?

Ich glaube, das Ziel ist, mehr zu leben und nicht einfach nur weniger zu arbeiten. Das ist eine Wissenschaft für sich. Egal, wie großartig ihre Fähigkeiten in Sachen Zeitmanagement sind – wenn Sie nicht lernen, den für sich idealen Lebensstil zu entwerfen, enden sie trotzdem damit, am Samstagnachmittag E-Mails zu verschicken, weil Sie sich so langweilen. Oder Sie liegen deprimiert am Strand, nachdem Sie sich zur Ruhe gesetzt haben. Ich konzentriere mich nicht nur darauf, unwichtige Dinge zu eliminieren, sondern darauf, das, was Spaß macht, um das 10- bis 20-fache zu vermehren.

Trotz aller Effizienztechniken kann ich doch nicht komplett selbstbestimmt leben.

Doch, absolut. Es geht darum, sein Leben Schritt für Schritt neu zu gestalten und dabei einen Hebel Ihrem Umfeld gegenüber in die Hand zu bekommen, so dass Sie nicht mehr jene Dinge tun müssen, zu denen Sie keine Lust haben. Ich kenne allein erziehende Mütter, die mit der Unterstützung ihrer Vorgesetzten ein Jahr um die Welt reisen.

Klingt toll, aber nach einer Ausnahme.

Das ist ein erreichbares Ziel für jeden, der bereit ist, das Ungewohnte auszuprobieren – zunächst nur einen bis sieben Tage am Stück. Dieser Prozess muss nicht hart sein, er geschieht in Phasen. Ich erwarte nicht, dass jemand über Nacht von 80 Stunden auf vier Stunden Arbeitszeit pro Woche kommt. Aber man kann Nächte und Wochenenden, die man durcharbeitet, eliminieren, dann zehn Stunden weniger schuften, 20 Stunden. Ich zitiere noch mal Goethe: Viele Menschen kümmern sich nicht um ihr Geld, bis sie an sein Ende kommen, und andere tun genau dasselbe mit ihrer Zeit. Das ist ein guter Ratschlag – und heute haben wir bessere Werkzeuge, unsere Zeit zurückzuerobern.

Ihr Buch hat Sie zum Millionär gemacht – welchen Lebensbereich wollen Sie, nach der Arbeitswelt, neu erfinden?

Ich möchte den Analphabetismus in den Entwicklungsländern bekämpfen. Und ich würde gerne eine Revolution in Sachen mathematischer und wissenschaftlicher Erziehung starten, vor allem in den USA. Präsident Bush hat unser Land zurück ins Mittelalter geführt, und das ist ekelhaft. Zusammen mit einer Gruppe bekannter Blogger habe ich bereits Projekte für mehr als 15 000 amerikanische Schüler mit ins Leben gerufen – mehr dazu kann man auf der Website www.litliberation.org lesen.

Ihr Sendungsbewusstsein in allen Ehren, aber haben Sie schon mal überlegt, ob Sie nicht in Wahrheit einen schlechten Einfluss auf junge Leute ausüben, die Ihren Thesen folgen und deshalb keinen klassischen Job annehmen wollen?

Das ist doch Unsinn. Warum sollten Menschen denn überhaupt mit einem Nine-to-five-Job ihr Berufsleben anfangen? Schauen Sie sich Bill Gates an, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg von Facebook. Haben sie es etwa falsch gemacht? Natürlich nicht! Es ist wichtig, sich darüber klar zu werden, dass man sich – mal abgesehen von Jura und Naturwissenschaften – seine eigenen Regeln schaffen kann. Das ist eine wichtige Lektion, die man nicht früh genug lernen kann. Ich werbe ja nicht für Trägheit oder Antriebslosigkeit.

Und was halten Sie nun von traditionellen Arbeitsplätzen?

Ich glaube, dass der Berufseinstieg in einem klassischen Nine-to-five-Job wertvoll sein kann – vorausgesetzt, man hat gute Mentoren. Andernfalls sollte man diese Art von Berufsleben nicht als zwangsläufig ansehen.

Wie haben Ihre Eltern gearbeitet?

Mein Vater war ein selbstständiger Immobilienmakler und meine Mutter bei der New Yorker Verwaltung im Bereich Gesundheit angestellt. Ich habe also beides kennengelernt: Die Gefahren und Belohnungen des selbstständigen Daseins und wie es ist, in langsam denkenden Organisationen zu arbeiten. Meine Eltern waren nie reich, aber sie haben sich immer sehr bemüht, mir interessante Eindrücke zu verschaffen, sei es im Zoo, am Strand oder auf einer Comic-Messe.

Wie hat diese Kindheit Ihre Einstellung zum Thema Arbeit geprägt?

Ich habe früh gelernt, dass Erfahrung wertvoll ist, nicht Einkommen auf dem Papier. Und für Erfahrungen braucht man Zeit. Diese Philosophie wurde mir in der High School, auf dem College und bei meinen ersten Jobs in Unternehmen ausgetrieben. Aber seitdem ich in den letzten vier Jahren Menschen aus mehr als 15 Ländern interviewt habe, die es schaffen, Zeit und Einkommen zu haben, bin ich wieder derselben Meinung, die ich schon als Dreijähriger hatte: Einkommen ist nur in dem Maß wertvoll, wie man seine Zeit kontrolliert und es für erstklassige Erfahrungen einsetzen kann. Ich schulde meinen Eltern großen Dank für diese Erkenntnis.

Da Sie Herr über Ihre Zeit sind, reisen Sie viel und nutzen dabei auch die finanziellen Vorteile unterschiedlicher Kaufkraft von Währungen. Was sind derzeit Ihre Lieblingsorte?

Da fallen mir eine Menge ein: Buenos Aires und Panama – vor allem Coiba – sind großartig, wenn auf der nördlichen Welthalbkugel Winter herrscht. Tokio und Nikko in Japan sind wunderbar im Frühjahr. Ich bin ein großer Fan von Madrid und Berlin im Sommer ...

... und Ihr Favorit?

San Francisco und die gesamte Bay Area.

Dort leben Sie inzwischen auch ...

Genau. Man kann am selben Tag surfen und Ski fahren, die Menschen sind freundlich, und es ist eine Gegend, in der große Ideen zählen, nicht große Egos und Angeberautos. Es ist egal, ob Sie einen Frack tragen oder Sandalen, egal ob Sie 20 Jahre alt sind oder 80. Ich war überall auf der Welt, und ich glaube, ich werde nie mehr umziehen. Es ist einfach großartig hier.

Das Gespräch führte Markus Albers, Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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