Zeugnisse : Wie Sie trotz schlechter Noten Karriere machen

In welchen Jobs Sie auch ohne glanzvolle Zeugnisse gute Chancen haben

Anne Hansen

Die Liste der Prominenten, die trotz schlechter Noten Karriere gemacht haben, ist lang. Fernsehmoderator Günther Jauch hat sein Politik-Studium abgebrochen, Ex-Außenminister Joschka Fischer nicht einmal das Abitur. Sogar Ralph Lauren, der heute den größten Modekonzern der Welt leitet, gab unlängst zu, ein schlechter Schüler gewesen zu sein. Auf einer Modeschule wäre er vermutlich eine Niete gewesen, so seine Selbsteinschätzung. Es scheint also auch ohne gute Noten zu gehen.

Doch stimmt das wirklich? Sind die Beurteilungen von Lehrern, Dozenten und Mentoren eher zweitrangig? Kann man mit Zusatzqualifikationen seine Bewerbung so aufhübschen, dass man trotz der Note „ausreichend“ im Vordiplom zum Vorstellungsgespräch eingeladen und dann auch noch eingestellt wird? Die Personaler sind sich in dieser Frage uneinig. In einigen Unternehmen ist die Note immer noch ausschlaggebend, in anderen zählen dagegen praktische Fähigkeiten oder Soft Skills wie Kommunkationsvermögen oder Teamfähigkeit. Streber fallen hier fast negativ auf. Fest steht: Ob und wie viel die Note zählt, kommt auf die Branche und die Größe des Unternehmens an.

JURISTEN UND INGENIEURE

Fragt man Jürgen Below von der Personalberatung Kienbaum Berlin nach einem Beruf, in dem die Note mehr zählt als alles andere, kommt er sofort auf Juristen zu sprechen. „Wer als Jurist ein schlechtes Examen aufzuweisen hat, hat eigentlich keine Chancen“, sagt Below. Höchstens als „Schadensersatzbearbeiter bei einer Versicherung“ könnte er noch genommen werden, sagt Below und lacht. „Schlechte Noten zwingen einen dann in langweilige Berufe.“ Oftmals wird in Ausschreibungen sogar ein Prädikatsexamen verlangt – wer das nicht aufweist, kann noch so sehr kommunikativ und teamfähig sein: Er hat keine Chance. Anders sieht es dagegen bei Ingenieuren aus. „Sie werden momentan gesucht wie Sand am Meer. Somit geraten schlechte Noten in den Hintergrund“, sagt Below. Nur wer als Ingenieur in die Forschung und Entwicklung will, braucht ein gutes Abschlusszeugnis. „Da wird wissenschaftlicher Tiefgang erwartet, mit miesen Noten kann man das vergessen.“

KREATIVE BERUFE

In kreativen Berufen spielen Noten eine eher untergeordnete Rolle – dort kommt es vielmehr auf Arbeitsproben an und darauf, ob man bereits Praxiserfahrungen gesammelt hat.

„Gute Noten sind keine Garantie für gute Mitarbeit. Wir achten in Bewerbungen hauptsächlich darauf, ob der Job-Suchende ein echtes Interesse an uns zeigt und ob er sich mit unserem Unternehmen wirklich auseinander gesetzt hat“, sagt Kathrin Neubert, Personal-Leiterin bei MTV. Nur anzugeben, man wolle ins Showgeschäft und ein bisschen Glamour schnuppern, reiche nicht, sagt Neubert. Vielmehr sei eine schlüssige Argumentation wichtig und vor allem Praxiserfahrung. „Durch Praktika kann man schlechte Noten wettmachen“, sagt Neubert, die zwar auch Zeugnisse sehen will, aber nicht den entscheidenden Fokus darauf legt. Denn: „Das persönliche Gespräch entscheidet über eine Zu- oder Absage. Noten sind an dieser Stelle dann egal, wenn der Bewerber gut erklären kann, wie es dazu gekommen ist.“

DIE PHARMABRANCHE

Bei Bayer Schering Pharma gehen alle Bewerbungen mittlerweile über das Internet ein, obwohl „auch mal ein Blick aufs Profil geworfen wird, wenn sich eine Mappe aus Papier zu uns verirrt“, erklärt Pressesprecherin Gabriele Liebman. Für den Arbeitgeber sind Online-Bewerbungen einfacher und effizienter – für den Bewerber gnadenlos: Sofort auf der zweiten Seite des Formulars werden die Noten aller Schulfächer abgefragt, des letzten und sogar des vorletzten Zeugnisses. Sogar die Anzahl unentschuldigter Fehltage muss ein Bewerber angeben, der sich für einen der 17 Ausbildungsberufe bei Bayer Schering Pharma interessiert. Schummeln? Zwecklos. „Wir wählen auf jeden Fall nur aufgrund der Noten aus“, sagt Liebmann. „Wer da nicht gut abschneidet, wird gar nicht erst zum Gespräch eingeladen.“

KLEINE UND GROßE UNTERNEHMEN

Neben der Branche ist die Größe des Unternehmens maßgebend dafür, ob die Personaler auf die Noten achten oder eher nicht. „Kleine, mittelständische Unternehmen haben meistens ein Problem, gute Akademiker zu finden“, sagt Jürgen Below. In diesen Unternehmen schaffe man daher den Einstieg leichter – auch ohne die Eins vor dem Komma.

Dass – wie bei Bayer Schering Pharma – hauptsächlich die Note zählt, sei eher die Ausnahme, sagt Katharina Hoffmann. Sie berät Hochschulabsolventen der Humboldt Universität im hauseigenen Karrierecenter in allen Fragen zum Berufseinstieg. „Es geht heutzutage nicht nur um die reine akademische Ausbildung“, sagt Hoffmann. Viel wichtiger sei eine Kombination aus Noten, Praxiserfahrungen und Weiterbildungen. Das Karrierecenter bietet daher etwa Kurse zu Rhetorik und Konfliktmanagement an – mit diesen Soft Skills sollen Personaler trotz schlechter Noten überzeugt werden.

Das wichtigste, sagt Jürgen Below, sei sowieso erst einmal, einen Job zu ergattern – auch wenn die erste Stelle nicht gerade der Traumberuf ist. „Wenn man dann drin ist und sich nach einem oder zwei Jahren bei einem anderen Unternehmen bewirbt, spielen Noten keine Rolle mehr.“ Auch bezüglich des Einstiegsgehaltes gibt Below Entwarnung: Wenn sich eine Firma trotz schlechter Noten für einen Bewerber entscheidet, wirkt sich das nicht negativ auf den Gehaltszettel aus.

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