Karriere : Zusammen auf Jobsuche

Mütter und Väter haben großen Einfluss auf die Berufswahl. Doch oft sind sie damit überfordert. Wer ein guter Ratgeber sein will, muss sich frühzeitig schlau machen

Sabine Hölper

Das Thema ist ein Dauerbrenner. Lilli Hasche redet oft mit ihren Eltern über das, was sie nach der Schule vorhat. Nach dem Abitur plant sie ins Ausland zu gehen. „Oder ich mache ein freiwilliges soziales Jahr“, sagt die 17-Jährige. Danach will die Schülerin, die in die 12. Stufe der Sophie-Scholl-Oberschule in Schöneberg geht, studieren, Politik vielleicht, oder Wirtschaft. Mit der endgültigen Entscheidung will sich Lilli aber noch ein wenig Zeit lassen. Und: Sie will sie selbst treffen. Dennoch tut der Austausch mit meinen Eltern gut, sagt Lilli. „Sie gehen auf mich ein und zeigen mir, dass sie hinter mir stehen.“

Die meisten Jugendlichen wenden sich wie Lilli Hasche in der Phase der Berufs- oder Studienwahl vor allem an die Eltern. Laut einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung in Gütersloh gelten bei 70 Prozent aller Schüler die Mütter und Väter als die einflussreichsten Personen. Mitschüler und Freunde empfindet nur jeder zweite Befragte als einflussreich, Lehrer nur jeder vierte.

Den Eltern kommt gegen Ende der Schulzeit ihrer Kinder eine bedeutende Rolle zu. „Sie sollen Berater sein“, sagt Susanne Schmidtpott. Das Problem ist nur: „Sie können dieser neuen Rolle wenig gerecht werden“, so die Projektkoordinatorin von Partner:Schule-Wirtschaft, einer Berliner Einrichtung, die Schulen bei der Berufsvorbereitung unterstützt. Viele Eltern kennen sich in der Ausbildungs- und Studienlandschaft kaum aus, sagt auch Etta Ites-Pätzold, Pädagogische Koordinatorin der Bertha-von-Suttner-Schule in Reinickendorf. „Welcher 40-Jährige weiß zum Beispiel, was die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge bedeutet?“

Versuche, dem Nachwuchs zur Seite zu stehen, beschränken sich daher meist auf das Kramen in der eigenen Vergangenheit: Die Eltern schlagen einige Berufe und Studienfächer vor, die sie selbst von früher kennen. „Will das Kind dann Scientific Computing oder Kulturwissenschaften studieren, gucken die Eltern komisch“, sagt Ites-Pätzold. Neue Berufswege würde die ältere Generation häufig kritisch beäugen – und das nur, weil sie die Angebote nicht kenne.

Das Beste, was Eltern tun können, ist folglich, sich selbst schlau zu machen. „Eltern sollten sich über aktuelle Ausbildungs- und Studienwege informieren“, rät Ites-Pätzold. Denn damit schafften sie eine Basis, um auf Augenhöhe mit Tochter oder Sohn zu diskutieren.

Doch bevor Eltern und Kinder gemeinsam die Anforderungen eines Berufes oder die Vor- und Nachteile eines Studiums erörtern, muss der Jugendliche zumindest eine Ahnung davon haben, welche Berufsfelder ihn interessieren. Viele Teenager aber tappen da, selbst kurz vor ihrem Schulabschluss und trotz mehrerer Praktika, noch im Dunkeln.

Auch da können Eltern weiterhelfen. „Sie sollten sich intensiv mit den Wünschen und Fähigkeiten des Kindes beschäftigen“, rät der Sprecher der Berliner Arbeitsagentur Erik Benkendorf. Dann werde Schritt für Schritt klarer, welcher Ausbildungsweg in Frage komme.

Lillis Mutter, Sabine Hasche, hält sich an diesen Rat: Gemeinsam mit der Tochter versucht sie herauszufinden, wo Lillis Potenziale und Neigungen liegen. „Damit meine ich nicht nur, welche Fächer Lilli gut beherrscht“, sagt Hasche. „Wir versuchen zusammen herauszubekommen, was ihr Spaß macht, wobei sie sich wohl fühlt, ob sie lieber alleine vor dem Computer arbeitet oder in Gruppen, inhaltlich oder mit Menschen.“ Mutter Hasche fallen solche Analysen leicht, sie arbeitet als pädagogische Kraft in einer Grundschule.

Eltern, die sich mit dieser Aufgabe schwerer tun, können sich Rat holen. Der Psychologische Dienst der Arbeitsagentur etwa bietet spezielle Berufsfindungstests an. „Eltern müssen ja nicht alles alleine bewältigen“, sagt Hans Petereit, er berät bei der Agentur für Arbeit Berlin-Süd Abiturienten. „Hauptsache, sie wissen, wo es Hilfe gibt.“ Trotzdem seien „positive Gespräche am Abendbrottisch" unerlässlich, meint Agentursprecher Benkendorf. Dazu gehört, dass Eltern den eigenen Arbeitsalltag schildern. Denn auch wenn sich die Jugendlichen nicht unbedingt für den Beruf der Eltern interessieren, sammeln sie auf diese Weise Eindrücke aus der Arbeitswelt.

So hat Cansu Demir, Schülerin der Ernst-Schering-Oberschule in Wedding, etwas Wichtiges von ihrer Mutter gelernt, was mit deren Beruf nur indirekt zu tun hat. Die Mutter betreibt einen Obst- und Gemüseladen. „Mama ist mein Vorbild“, sagt die Tochter. „Sie zeigt Durchhaltevermögen. Das spornt mich an, genauso zu sein“. Die Zehntklässlerin ist ehrgeizig. Sie legt sich mächtig ins Zeug, um ihre Noten zu verbessern. Nach dem Realschulabschluss hat sie vor, aufs Gymnasium zu wechseln oder Eventmanagerin zu werden.

So sinnvoll das Vorleben der Eltern ist – so kontraproduktiv ist das Vorschreiben. Wenn Eltern etwa darauf bestehen, dass der Sohn Banker wird, obwohl er sich für eine Ausbildung als Tischler interessiert, kann man dem Sohn nur raten, nicht auf seine Eltern zu hören, rät Berater Petereit. Statt in eine bestimmte Richtung Druck zu machen, sei es Aufgabe der Eltern, zu erkennen, ob der Schüler sein Berufsziel motiviert verfolge.

Auch einen professionellen Berufsberater hinzuzuziehen kann helfen. „Kommen die Eltern mit zum Termin, weil sie der Meinung sind, vier Ohren hören mehr als zwei, dann begrüße ich das“, sagt Petereit. Nur wenn die Erwachsenen rechthaberisch sind und mehr reden als der Schüler selbst, schickt der Berufsberater sie auch schon mal vor die Tür.

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