Wirtschaft : Karrieren im Sandkasten

Wie die Arbeitslosen der Internetwirtschaft ihre Zeit verbringen

Henrik Mortsiefer

Berlin. Die New Economy trifft sich jetzt auf dem Spielplatz. In den Berliner Stadtteilen Prenzlauer Berg und Mitte tummeln sich am Rand der Sandkästen junge, hip gekleidete Eltern, die eines gemeinsam haben – sie sind arbeitslos. Vor drei Jahren noch bei Internet- oder Multimediafirmen beschäftigt, lassen die Mittdreißiger heute ihren Nachwuchs im Sand buddeln. Das Statistische Landesamt verzeichnet einen Kindersegen: Im Bezirk Pankow, zu dem Prenzlauer Berg gehört, ist die Zahl der Kinder unter drei Jahren seit 1998 um fast 22 Prozent gestiegen. Um 45 Prozent stieg der Anteil der Familien mit mindestens einem Kind unter drei Jahren. In ganz Berlin waren es seit 1998 nur knapp neun Prozent mehr.

Die so genannten Bobos (Bourgeois Bohemians), die neuen Stadtbürger, die ihren Job verloren haben, hatten viel Zeit für die Familienplanung – gewollt oder ungewollt. Zu Tausenden wurden Webdesigner, Systemmanager und E-Commerce-Spezialisten entlassen, als die Internet-Blase im Jahr 2000 platzte. Inzwischen zählen viele der ehemals Erfolgreichen zu den Langzeitarbeitslosen. Von den arbeitslosen Multimedialeuten in Berlin sind gut 40 Prozent länger als ein Jahr arbeitslos. Im Bundesschnitt sind es nur 30 Prozent. Es gibt zu wenig Old Economy an der Spree, die die Pleiteopfer hätte aufnehmen können. Und das Job-Hopping von einer Stelle zur nächsten, das im Boom so beliebt und lukrativ war, funktioniert auch nicht mehr: „Es sind zu wenig Stellen übrig geblieben“, sagt Harald Schumma, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Internetwirtschaft. „Und die, die noch hoppen könnten, haben erkannt, dass sie sich dabei verbrennen.“

So schlagen sich viele anders durch – nicht nur auf dem Spielplatz. „Die Ansprüche an künftige Jobs sind auf dem Boden der Tatsachen angekommen“, sagt Joachim Thiel, Wissenschaftler an der TU Hamburg. Dabei dürfen sich die Erwerbslosen der IT-Wirtschaft noch über ein vergleichsweise hohes Versorgungsniveau freuen. „Wer vorher gut verdient hat, bekommt auch mehr Arbeitslosengeld“, sagt Thiel. Für Arbeitsuchende, heißt es aber: die Gehalts- und Karrierewünsche müssen angepasst werden – nach unten.

Die Gehälter der berufstätigen Fachkräfte in der Datenverarbeitung stagnieren, wie die Unternehmensberatung Kienbaum unlängst ausgerechnet hat. Von den früheren Millioneneinkommen sind die Datenprofis weit entfernt. Eine Führungskraft verdiente 2002 Kienbaum zufolge durchschnittlich 89000 Euro im Jahr (3,5 Prozent mehr als 2001), eine Fachkraft kam auf 53000 Euro (plus 2,4 Prozent). „Neueinsteiger und Jobwechsler erhalten zurzeit fast durchweg geringere Gehälter als noch vor einem Jahr“, heißt es. Der deutsche Multimediaverband (dmmv), der Ende des Monats seinen Gehaltsspiegel veröffentlicht, dämpft ebenfalls die Erwartungen: Bei den Einstiegsgehältern gibt es 2003 nur eine Nullrunde. „So sind die Gesetze des Marktes“, sagt Bernd Henning vom dmmv.

Da überlegt sich mancher Internetspezialist, ob er nicht lieber noch arbeitslos bleibt. „Viele melden sich zwischendurch beim Arbeitsamt ab und arbeiten für eine paar Wochen als Freie“, sagt Joachim Thiel. „Die Devise lautet: Durchkommen, bis es besser wird.“ So locker wie früher jedenfalls, da sind sich alle einig, wird es nie wieder zugehen. Der von der New Economy geschätzte Mix aus Beruf und Privatleben zum Beispiel „geht den meisten inzwischen auf den Keks“, sagt Thiel. Es zählen nur noch Professionalität und Erfahrung. Hürden, die vor allem für die mäßig Qualifizierten, die in der New Economy noch Chancen hatten, zu hoch sind. „Viele schlecht Ausgebildete wussten, dass ihre Gehälter damals zu hoch waren“, sagt Maike Jäger von der Gewerkschaft Connex.av. „Jetzt verkaufen sie sich unter Wert, wenn sie einen neuen Job finden – und verderben die Preise.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben