Wirtschaft : Karstadt fordert die 42-Stunden-Woche

Mehrarbeit soll Arbeitsplätze retten / Schwierige Verhandlungen bei Daimler-Chrysler

Alexander Visser

Berlin - Die 47000 Mitarbeiter der Kaufhäuser von Karstadt-Quelle sollen länger arbeiten. Warenhaus-Chef Helmut Merkel habe den Arbeitnehmervertretern erklärt, dass eine Wochenarbeitszeit von 40 bis 42 Stunden notwendig sei, sagte ein Konzernsprecher am Donnerstag. Derzeit arbeiten Karstadt-Mitarbeiter 37 bis 38 Stunden pro Woche. Sollten die Angestellten ihre Wochen- und Jahresarbeitszeit ohne Lohnausgleich deutlich erhöhen, könne ein Teil des geplanten Abbaus von 4000 Stellen vermieden werden, erklärte Merkel. Zuvor war bereits bekannt geworden, dass die 2000 Angestellten des Touristikkonzerns Thomas Cook, einer Tochtergesellschaft von Karstadt-Quelle und Lufthansa, wöchentlich 1,5 Stunden länger arbeiten sollen.

Der Betriebsrat von Karstadt-Quelle will die Vorstellungen der Konzernleitung zunächst prüfen. „Die Forderung nach längerer Arbeit kommt ja nicht unerwartet“, sagte Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Pokriefke dem Tagesspiegel. Sie reihe sich ein in ähnliche Forderungen bei Daimler-Chrysler und anderen Unternehmen. „Allerdings geht es dem Einzelhandel noch wesentlich schlechter als den Autokonzernen“, sagte Pokriefke. Karstadt-Quelle leidet unter der Konsumflaute in Deutschland und hatte unlängst Sparmaßnahmen angekündigt.

Beim defizitären Touristikkonzern Thomas Cook hat die Sanierung bereits begonnen. Um die Krise zu überwinden, haben sich Betriebsrat und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit der Konzernleitung auf eine vorübergehende Mehrarbeit von 40 Wochenstunden geeinigt. „Es ist aber keine generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche“, betonte ein Verdi-Sprecher. Die Mitarbeiter würden 1,5 Stunden pro Woche länger arbeiten, ohne Zulagen zu beziehen. Die Stunden würden auf ein Zeitarbeitskonto gebucht und vergütet, wenn der Konzern wieder Gewinne mache. Es handele sich um einen „unverzinsten Zeitkredit“.

Die Forderungen nach Mehrarbeit bei Karstadt wird vom Einzelhandelsverband HDE begrüßt. „Es ist besser, man arbeitet eine halbe Stunde länger am Tag, als das man auf zehn Prozent des Gehalts verzichtet. Das würde die Kaufkraft weiter schwächen“, sagte Sprecher Hubertus Pellengahr. Verdi-Vizechefin Margret Mönig- Raane kündigte dagegen Widerstand gegen eine generelle Ausdehnung der Arbeitszeit an. Die Forderung nach der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche sei nur der verkappte Versuch der Arbeitgeber, Löhne zu kürzen. Dabei betrage die tatsächliche Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten bereits jetzt fast 40 Stunden.

Unterdessen kam es bei den Verhandlungen um längere Arbeitszeiten und Lohnverzicht bei Daimler-Chrysler am Donnerstagabend zu einer Annäherung. Es habe in einigen Punkten eine Einigung gegeben, sagte ein IG-Metall-Sprecher dem Tagesspiegel nach neunstündigen Gesprächen. Noch strittig sei die Dauer der Beschäftigungsgarantie, die nach dem Willen der Arbeitnehmer bis zum Jahr 2012 gelten soll. Im Gegenzug wollen die Beschäftigten – wie vom Vorstand gefordert – auf Lohn verzichten und länger arbeiten, was Einsparungen in Höhe von 500 Millionen Euro bringen soll. Bei Redaktionsschluss dauerten die Verhandlungen noch an.

DER KONZERN

Zu Karstadt-Quelle gehören die Warenhausgruppe, die Versandhäuser Neckermann und Quelle, die Modekette Sinn-Leffers und das Touristikunternehmen Thomas Cook, an dem auch die Lufthansa beteiligt ist.

DER CHEF

Neuer Vorstandschef ist seit Juni Christoph Achenbach. Er hat angekündigt, bis Oktober alle Konzernsparten auf den Prüfstand stellen zu wollen.

DIE KAUFHÄUSER

Derzeit arbeiten noch 47000 Beschäftigte in den 180 Warenhäusern und 337 Fachgeschäften des Konzerns. Bis 2006 sollen rund 4000 Stellen gestrichen werden, hat die Konzernleitung angekündigt. avi

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