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Karstadt-Sanierung : Sechs Häuser werden geschlossen, 2000 Arbeitsplätze in Gefahr

Der Aufsichtsrat beschließt ein umfangreiches Sanierungs- und Restrukturierungskonzept für Karstadt. Der Handelsexperte Stephan Fanderl wird das Unternehmen führen - und will den Beschäftigten ans Weihnachtsgeld.

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Lange Tradition, aktuell große wirtschaftliche Schwierigkeiten: Der Karstadt-Konzern will sich neu aufstellen.
Lange Tradition, aktuell große wirtschaftliche Schwierigkeiten: Der Karstadt-Konzern will sich neu aufstellen.Foto: dpa

Der Aufsichtsrat tagte länger als geplant. Um 23.25 Uhr am Donnerstagabend kam dann nach vielen Spekulationen die Bestätigung der Nachricht: Karstadt wird sechs Häuser schließen. Der Aufsichtsrat der Karstadt Warenhaus GmbH habe eine umfangreiche Sanierung sowie Restrukturierung (Projekt „Fokus“) beschlossen, meldete das Unternehmen. Auch die Zukunftsstrategie sei beraten worden. Das war besonders den Arbeitnehmervertretern wichtig.

Nach deren Aussage könnte die Sanierung rund 2000 Stellen im Unternehmen kosten. Der Wegfall dieser Arbeitsplätze und Beschlüsse zur Schließung von sechs Filialen bedeuteten einen „dunklen Tag für die Beschäftigten“, sagte Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt nach der Sitzung in Essen. „Dies sind bittere Entscheidungen“, sagte er. Die Arbeitnehmervertreter wollten nun aber versuchen, in Verhandlungen mit dem Karstadt-Management die Zahl der bedrohten Stellen zu verringern. Der neue Karstadt-Chef Stephan Fanderl kündigte kurz nach seiner Ernennung weitere Zumutungen für die Beschäftigten an. „Wir müssen über Einsparungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld sprechen und darüber, die Tarifpause über 2015 hinaus zu
verlängern“, sagte er dem „Handelsblatt“..

Signa-Chef Benko schickt Vertraute in die Führung

Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger kritisierte, dem Karstadt-Management gehe es nur um Kostensenkungen, statt nach Wegen zu suchen, den Umsatz anzukurbeln. In Zukunft drohten zudem weitere Schließungen von Warenhäusern, beklagte sie. Patzelt zufolge sind in den sechs Standorten, die geschlossen werden sollen, rund 200 bis 240 Mitarbeiter beschäftigt. Es sei offen, wo genau die insgesamt 2000 Stellen abgebaut werden sollten. Ein Karstadt-Sprecher wollte sich zu den Zahlen nicht äußern.

Neben dem Sanierungskonzept beschloss der Aufsichtsrat die Neuaufstellung des Managements. Fanderl, bisher Aufsichtsratsvorsitzender wird neuer Geschäftsführer der Karstadt Warenhaus GmbH. Wolfram Keil, der seit September 2014 Mitglied des Aufsichtsrats ist, soll neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden. Den durch den Wechsel von Fanderl in die Geschäftsführung vakant gewordenen Sitz im Aufsichtsrat soll Jörg Schwengel von der Signa-Gruppe übernehmen. Die Signa-Gruppe des österreichischen Unternehmers René Benko hatte Karstadt im Sommer diesen Jahres komplett übernommen.

Stephan Fanderl soll künftig die Geschäfte bei Karstadt führen.
Stephan Fanderl soll künftig die Geschäfte bei Karstadt führen.Foto: dpa

„Mit Stephan Fanderl haben wir einen der profundesten Kenner der deutschen Handelslandschaft als CEO gewinnen können“, sagte Keil. Zudem habe man den bisherigen Interims-Geschäftsführer Miguel Müllenbach langfristig an das Unternehmen binden können. „Er hat gerade in den letzten Monaten sehr hohen persönlichen und fachlichen Einsatz bewiesen. Dafür gebührt ihm unser besonderer Dank“, sagte Keil.

Sechs Standorte werden geschlossen

Die Diskussion und der Beschluss des umfassenden Sanierungs- und Restrukturierungskonzept sei wirtschaftlich dringend notwendig, teilte Karstadt weiter mit. Das dem Aufsichtsrat präsentierte Konzept zur Sanierung und Restrukturierung bestehe aus drei Säulen: Ertragssteigerungen, Maßnahmen zur nachhaltigen Senkung von Personal- sowie Sachkosten sowie strukturelle Maßnahmen zur Rentabilitätsverbesserung des Filialportfolios.

Zunächst bedeutet das das Aus für sechs Standorte: „Nach eingehender Prüfung und intensiver Analyse der Ergebnissituation und Wettbewerbsperspektive werden die Warenhäuser in Hamburg Billstedt und in Stuttgart am 30. Juni 2015 geschlossen. Ebenfalls geschlossen werden die beiden K-Towns in Göttingen und Köln am 30. Juni 2015 sowie die so genannten Schnäppchencenter in Frankfurt an der Oder am 30. April 2015 und in Paderborn am 30. September 2015“, heißt es in der Mitteilung des Unternehmens weiter. Fanderl kündigte an, bei weiteren acht bis zehn Filialen werde er individuelle Lösungen suchen. „Wir sprechen etwa mit den Vermietern, ob es alternative Nutzungen für den Standort gibt und eine Chance besteht, früher aus den laufenden Mietverträgen herauszukommen." Zugleich kündigte er an, die Signa-Holding werde weiteres Geld zur Verfügung stellen. „Die
Signa wird nach der erfolgreichen Sanierung über die kommenden Jahre in dreistelliger Millionenhöhe in das präsentierte Zukunftskonzept investieren."

Fanderl ist ein Mann des Handels

„Die Sanierung wird uns viel abverlangen“, sagte Fanderl. „Ohne zum Teil sehr schmerzliche Entscheidungen, wie auch Filialschließungen wird es nicht gehen, um das Überleben des Gesamtunternehmens zu sichern. Alle Anstrengungen müssen parallel darauf ausgerichtet bleiben, operativ besser zu werden und die Filialrentabilität zu verbessern.“ Mit dem neuen Gesellschafter sei aber auch in kürzester Zeit ein Zukunftskonzept erarbeitet worden, mit dem nach erfolgreicher Sanierung das Unternehmens strategisch neu ausrichten werden. Bereits im Frühjahr/Sommer sollten einzelne dieser neuen Warenhaus-Formate an den Start gehen, kündigte Fanderl an. Darüber hinaus würden alle Prozesse im Unternehmen optimiert und angepasst. Aufsichtsrats-Chef Keil ergänzte: „Wir stehen erst am Anfang eines langen Prozesses. Karstadt steht vor einem tiefgreifenden und umfassenden Wandel – Sanierung und Zukunftskonzept bedingen sich gegenseitig.“ Alle Pläne sollen nun mit den Arbeitnehmergremien und mit der Gewerkschaft Verdi in den vorgeschriebenen Verfahren beraten und verhandelt werden.

Fanderl entstammt einer Händlerfamilie aus Ingolstadt, im Edeka-Geschäft seines Vaters begann die Ausbildung des heute 51-jährigen zum Einzelhandelskaufmann. "Er hat das ja quasi mit der Muttermilch aufgesogen“, sagte sein Vater Reiner Fanderl dem “Donaukurier“. Dass sein Sohn nicht in Ingolstadt bleiben werde, sondern in die Welt hinaus ziehen würde, sei schon früh klar gewesen, fügte er hinzu. Der Filius verließ denn auch seine Heimatstadt und studierte unter anderem in Köln Betriebswirtschaft, machte Station in Japan und brachte von dort ein Faible für japanisches Essen und Kochen mit. Dann legte er eine steile Karriere hin: Nach einem Intermezzo bei Metro heuerte Fanderl 2001 bei Rewe an und trieb dort die Expansion in Osteuropa voran. Im Mai 2006 rückte er mit 42 Jahren in den Vorstand des Handelsriesen ein. Ein Jahr später war aber schon Schluss - Fanderl
verließ "im gegenseitigen Einvernehmen" den Kölner Konzern. Insidern zufolge konnte er nicht alles erreichen, was er sich vorgenommen hatte.

Stationen beim US-Branchenprimus Wal-Mart und beim Schweizer Discounter Denner folgten - dort ist er auch für die Strategieentwicklung zuständig. Anfang Oktober 2013 heuerte Fanderl dann bei Karstadt an, er wurde
Chef des Aufsichtsrats. Ehemalige Mitarbeiter schildern Fanderl als sehr ehrgeizig und fokussiert - aber auch als umgänglich. Auch im Karstadt-Aufsichtsrat wird ihm große Kompetenz im Handel bescheinigt. "Und genau das braucht Karstadt jetzt“, sagt ein Mitglied des Gremiums. mit dpa/rtr

 

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