Wirtschaft : Karten im Finanzpoker werden neu gemischt

JOACHIM HOFER

Ein Blick in die Höhe genügt: Frankfurt hat mit London längst gleichgezogen.Am Main wie an der Themse ragen inzwischen ein halbes Dutzend Wolkenkratzer in den Himmel.Was das Geschehen hinter den Spiegelglasscheiben - also die Bedeutung als Finanzplatz - angeht, haben die Briten allerdings noch immer die Nase vorn.Doch mit der Einführung des Euros werden die Karten neu gemischt - und die Hessen haben als Standort der Europäischen Zentralbank (EZB) ein As in der Hand.

Mit den Möglichkeiten der modernen Technik lassen sich auch die größten Finanztransaktionen in Sekundenschnelle ausführen.Dabei ist es völlig egal, wo sich die Akteure gerade befinden, solange sie nur an die Netze angeschlossen sind.Technisch hat Frankfurt mit der räumlichen Nähe zur EZB deshalb keinen Vorteil - wohl aber bei den sogenannten weichen Faktoren, also dem direkten Kontakt mit den Bankern der neuen europäischen Notenbank.Die Tuchfühlung in der Mittagspause oder nach Feierabend bei einem Bier ist für die Mitarbeiter der Geschäftsbanken besonders wichtig, weil sie möglichst frühzeitig über die geldpolitischen Entscheidungen der EZB informiert sein wollen - über anstehende Zinsveränderungen beispielsweise.Und noch etwas wird Frankfurt stärken: Die Deutsche Bank etwa wird den gesamten Zahlungsverkehr zwischen Banken in Euro in erster Linie über Frankfurt abwickeln.Andere Großbanken werden vermutlich folgen und damit Arbeitsplätze in Frankfurt sichern.

Bei der Frage, ob sich die positiven Auswirkungen für Frankfurt in London negativ bemerkbar machen, sind die Experten unterschiedlicher Meinung.Die Deutsche Bank geht davon aus, daß London im internationalen Geschäft, etwa bei großen Börsengängen oder im Handel mit Drittwährungen, weiter die Nase vorn haben wird.Dementsprechend hat der deutsche Branchenführer den Geschäftsbereich "Globale Unternehmen und Institutionen" an der Themse angesiedelt.Von den weltweit 76 000 Mitarbeitern der zweitgrößten Bank Europas haben 2000 ihre Schreibtische in London.Das Münchener Ifo-Institut betrachtet es als offen, ob die britische Nicht-Teilnahme an der Währungsunion für das Finanzzentrum London negativ sein werde, eher schon seien für die britische Volkswirtschaft negative Folgen zu erwarten."Aufgrund der starken Wettbewerbsposition der Londoner City bei Liquidität, Informationsverarbeitung, Betriebskosten und Infrastrukturausstattung wird keine nennenswerte Verminderung des Geschäftsvolumens erwartet", ziehen die Wirtschaftsforscher in einer Studie zu den EU-Finanzzentren nach Einführung des Euros Bilanz.Zu einem für London etwas weniger positiven Ergebnis kommt eine Studie, die das Londoner Center for Economics and Business Research (CEBR) vorgelegt hat.Der Autor der Studie, Douglas McWilliams, schätzt, daß der City im schlimmsten Fall ein Geschäftsvolumen von insgesamt 22,7 Mrd.Dollar durch die Lappen gehe.

Der Bericht zeigt darüber hinaus eine enge Verflechtung des Finanzplatzes London mit den Ländern der Währungsunion auf.Rund ein Sechstel des Personals in der City verdanke seinen Job der direkten Betreuung kontinentaleuropäischer Kunden.61 000 Mitarbeiter haben im weiteren Sinn mit dem Finanzgeschäft über den Kanal hinweg zu tun.Elf Prozent des Personals im Londoner Bankenbezirk wickelt Geschäfte in anderen EU-Währungen ab, durch die Einführung des Euros seien diese Arbeitsplätze gefährdet.Allein am Devisenmarkt werden dadurch etwa 3000 Arbeitsstellen wegfallen.Doch nicht nur die Londoner City dürfte mit dem Euro zu kämpfen haben.Vor allem kleine Finanzplätze sieht das Ifo-Institut als gefährdet an.Die Ökonomen empfehlen deshalb, daß sich die kleinen Zentren spezialisieren und auf den lokalen Markt konzentrieren, "wo lokale Kenntnisse wichtiger sind für die Wettbewerbsfähigkeit als Liquidität".Ganz in diesem Sinne versucht die Berliner Börse seit einigen Jahren recht erfolgreich, junge lokale Firmen an die Börse zu locken und den Freiverkehr auszubauen.Die vergleichsweise kleine Börse an der Fasanenstraße steht dabei im Wettbewerb mit 32 Kassamärkten und 23 Terminmärkten in Europa.Nach Ansicht des Bundesverbandes Deutscher Banken wird in Zukunft eine ganze Reihe dieser Börsen überflüssig werden.Als Beispiel dienen dem Bankenverband die USA, in denen es lediglich acht verschiedene Handelsplätze gibt.Zudem haben dort zwei der größten New Yorker Börsen, die American Stock Exchange und die Nasdaq, vor wenigen Tagen ihre Fusion beschlossen.

Der unangefochtene Marktführer hierzulande, die Deutsche Börse AG in Frankfurt, versucht seit einiger Zeit, die internationale Position durch Allianzen zu festigen.Im Bereich der Neuen Märkte zum Beispiel kooperiert Frankfurt mit Brüssel, Paris und Amsterdam.Die deutsche Terminbörse und ihr schweizerisches Pendant haben sich mittlerweile zur Eurex zusammengetan und haben im Frühjahr eine globale Allianz mit der amerikanischen Terminbörse Chicago Board of Trade angekündigt.Zudem sprechen die hessischen Börsianer mit der amerikanischen Nasdaq über eine Zusammenarbeit.

Von großer Bedeutung für den Finanzplatz Frankfurt wird die Entscheidung sein, welcher Emittent die Benchmark-Funktion erringt - Frankreich oder Deutschland.Dabei geht es darum, welche Staatsanleihen in Zukunft als europäischer Standard gelten.Für die Finanzplätze ist dies deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Umsatz mit Rentenpapieren den Aktienumsatz meist deutlich übertrifft.An deutschen Börsen lagen die Rentenumsätze in der Vergangenheit an manchen Tagen um 100 Prozent über dem Handelsvolumen mit Aktien.Frankfurt befindet sich auf diesem Gebiet im Wettbewerb mit Paris.Neuen Rückenwind für den Finanzplatz Deutschland erwartet sich die Bundesregierung von dem für die nächste Legislaturperiode geplanten 4.Finanzmarktförderungsgesetz.Dabei soll die Börsenaufsicht zukünftig in einer zentralen Behörde zusammengefaßt werden.Darüber hinaus wollen Bundesfinanzminister Waigel und Bundesjustizminister Schmidt-Jortzig das Börsenrecht flexibilisieren und weitere Anlageinstrumente zulassen.Der Bundesverband Deutscher Banken allerdings will noch mehr: Die Bankenlobbyisten kritisieren die "hohen, leistungshemmenden Spitzensteuersätze" in Deutschland als "ernsthaftes Hindernis, hochqualifizierte Fachkräfte aus anderen Finanzplätzen, wie zum Beispiel London, nach Frankfurt zu holen".

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