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Kartendienst Nokia Here : Uber will sich Berliner Kompass kaufen

Der Fahrdienstvermittler Uber bietet für Nokias Kartendienst Here. Damit macht das Unternehmen aus dem Silicon Valley deutschen Autokonzernen Konkurrenz im Ringen um die Spezialisten aus Berlin.

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Wo geht's lang für den Nokia-Dienst Here? Das finnische Unternehmen will die Geodaten-Sparte verkaufen - vielleicht an Uber..
Wo geht's lang für den Nokia-Dienst Here? Das finnische Unternehmen will die Geodaten-Sparte verkaufen - vielleicht an Uber..Foto: dpa

Für rund drei Milliarden Dollar könnte Uber ein Berliner werden. So viel bietet der umstrittene Fahrdienst-Vermittler nämlich angeblich für den Kartendienst Here von Nokia. Und der wiederum hat seine weltweite Zentrale in der deutschen Hauptstadt. Neben dem milliardenschweren Start-up aus dem Silicon Valley sollen auch BMW, Audi und Daimler ein Angebot für Here vorbereiten, berichtet die „New York Times“. Sie beruft sich dabei auf mit der Sache vertraute Personen.

Nach dem Verkauf des Handy-Geschäfts an Microsoft, in dem Nokia jahrelang Weltmarktführer war, bevor sie den Trend zu Smartphones verschliefen, wollen sich die Finnen auf das Geschäft als Netzwerkausrüster konzentrieren. Erst kürzlich hatte Nokia angekündigt, den französischen Konkurrenten Alcatel-Lucent für gut 15 Milliarden Euro übernehmen zu wollen. Gleichzeitig prüfe man Optionen zum Verkauf von Here.

6000 Mitarbeiter in mehr als 50 Ländern

Die Trennung vom Kartengeschäft ist also prinzipiell beschlossene Sache. Welche Auswirkungen das auf den Standort Berlin hätte, ist unklar. Ein Unternehmenssprecher wollte die Gerüchte am Freitag nicht kommentieren. Auch Konzernmutter Nokia und Uber äußerten sich nicht. 2006 hatten die Finnen die Berliner Gate 5 übernommen und entwickeln seitdem in der Invalidenstraße Navigationslösungen.

Mit Kameraautos sind Mitarbeiter in Städten und auf dem Land unterwegs. Die Daten landen dann in den USA. Ausgewertet und aufbereitet finden sie sich in Navigationssystemen oder in Apps wieder. Sie geben etwa darüber Aufschluss, wo sich die nächste Tankstelle, der nächste Geldautomat oder die nächste Pizzeria befinden. In Berlin arbeiten knapp 1000 Beschäftigte für Here. Weltweit betreibt das Unternehmen rund 200 Büros mit etwa 6000 Mitarbeitern in mehr als 50 Ländern. Die Daten kommen aber nicht nur aus den eigenen Autos. Auch Fahrzeuge mit Online-Navigation, Katasterämter oder Privatleute speisen Informationen über offene Plattformen ein.

2012 gab es Probleme mit den Apple-Karten

Der mögliche Kreis der Kaufinteressenten verdeutlicht, wie wichtig das Geschäft mit Geodaten inzwischen ist. Digitale Karten von Google, TomTom oder eben Here gelten als ein Schlüssel zu vielen lukrativen Diensten. Im ersten Quartal steigerte der Kartendienst den Umsatz um 25 Prozent auf 261 Millionen Euro. Als möglicher Käufer wurde auch Facebook schon genannt. Zudem soll Nokia auch Apple angesprochen haben. Nicht zuletzt waren Finanzinvestoren im Gespräch.

Apple nimmt die Dienste der Finnen bereits für seine Karten-App in Anspruch. Bei der Einführung 2012 machte das Programm allerdings zunächst einmal durch teils skurrile Fehler auf sich aufmerksam, die aber inzwischen abgestellt sind. Auch der Routenplaner von Yahoo kommt von Here. Logistikunternehmen wie der Post-Konkurrent FedEx steuern ihre Lieferketten mithilfe der Geo- und Verkehrsdaten, die sie über Here erhalten. Schließlich entwickelt das Unternehmen Anwendungen und ortsbezogene Dienste für Privatkunden.

Tendenziell lassen sich die Daten in immer mehr Bereichen nutzen. Die Systeme sind nach Angaben des Unternehmens inzwischen so genau, dass sie die Höhe von Bordsteinkanten anzeigen können. So ließen sich etwa Karten für Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen erstellen.

Der Kaufpreis könnte noch steigen

Allerdings sind es vor allem die Autohersteller, die nach Alternativen etwa zum führenden Kartendienst von Google suchen. Neben den genannten Autokonzernen gehören mit Toyota, Volkswagen und General Motors auch die Top drei der Welt zu den Kunden. Vier von fünf Autos aus Westeuropa oder Nordamerika mit fest eingebautem Navigationssystem fahren nach Unternehmensangaben mit Daten von Here. Nokia hat es stark auf die Autobranche zugeschnitten und wollte unter anderem mit hochpräzisen Karten für selbstfahrende Fahrzeuge ins Geschäft kommen. Die deutschen Premium-Marken wollen sich nach Informationen des „Wall Street Journal“ mit der chinesischen Internet-Firma Baidu verbünden. Auch die Chinesen arbeiten bereits mit Here zusammen.

Ein Uber-Gebot von drei Milliarden Dollar liegt wohl in in der Nähe von Nokias Vorstellungen. Aktuell wären das umgerechnet 2,67 Milliarden Euro. Nach Informationen des Finanzdienstes Bloomberg streben die Finnen bis zu drei Milliarden Euro an. Die deutschen Autokonzerne spekulieren dem Vernehmen nach auf einen Kaufpreis von gut zwei Milliarden Euro. Doch je mehr Bieter ihr Interesse bekunden, desto unwahrscheinlicher wird dieser Preis.

Analysten von Inderes Equity Research schätzen den Wert des Kartendienstes inzwischen auf 4,4 bis 6,9 Milliarden Euro. Das Angebot von Uber sei unzureichend und spiegele die Wachstumsmöglichkeiten von Here nicht wider. Laut Medienberichten dringt Nokia auf einen baldigen Verkauf – der Käufer soll angeblich bereits Ende Mai feststehen. An der Börse kommt diese Entschlossenheit an: Der Nokia-Kurs legte kräftig zu. mit rtr/dpa

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