Kassel im Aufschwung : Die Kunst der Konjunktur

Kassel hatte lange einen schlechten Ruf: viel Kriminalität, wenig Arbeit, kein Flair. Das ändert sich jetzt. Dank des Bürgermeisters und der Energiewende ist es jetzt die dynamischste Stadt Deutschlands. Wie es dazu kam?

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Aufwärts. Der „Himmelsstürmer“ von Jonathan Borofsky vor dem Kulturbahnhof zeigt die Richtung, in die es mit Kassel geht. Foto: IMAGO
Aufwärts. Der „Himmelsstürmer“ von Jonathan Borofsky vor dem Kulturbahnhof zeigt die Richtung, in die es mit Kassel geht.Foto: IMAGO

Die Frau im Stadtmuseum ist nicht sehr gesprächig. „Das ist eingelagert“, sagt die Museumsdame kurz. Ein Besucher war durch die Tür getreten, um nach dem Modell von Kassel zu fragen, das den Zustand der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg festhält. Das Stadtmuseum wird umgebaut. Im Ausweichquartier, einem verlassenen Laden in der Fußgängerzone, sind nur wenige Exponate zu sehen. „Schade“, sagt der Mann. „Ich habe nämlich beim Modellbauen geholfen.“ Keine Reaktion. Also sagt er noch: „Ich hätte es mir einfach gern noch mal angesehen.“ Dann ist er wieder draußen vor der Tür. Ein kalter Wind zieht die Wilhelmsstraße hoch.

Das mit dem Modell kann Rainer Rübel erklären. Das war nämlich so, dass seine Mutter bei dem Architekten beschäftigt war, der Anfang der 60er Jahre den Auftrag zum Bau der Miniaturansicht bekommen hatte. „Ich war noch ein kleiner Junge, ich habe die Bäume aufgeklebt“, sagt Rübel. Das Modell muss man sich so vorstellen: Es sieht aus, als wäre jemand mit riesigen Stiefeln auf den kleinen Gebäuden herumgetrampelt. Es zeigt die zerstörte Stadt im Jahr 1946.

Sein ganzes Leben hat Rübel in Kassel verbracht, 24 Jahre bei Heini Weber gearbeitet. 1949 eröffnete das Elektrofachgeschäft in der Wilhelmsstraße, vor einigen Jahren musste es schließen. Rübel hat Glück gehabt, sagt er, und mit 50 noch einen neuen Job gefunden. Er verkauft jetzt Kaminöfen.

Kürzlich hat er in der Zeitung etwas gelesen, was ihn nicht wenig überrascht hat: Kassel, stand da, ist bei einem bundesweiten Ranking zur dynamischsten Stadt Deutschlands gekürt worden, keine andere hat sich in den vergangenen Jahren so deutlich zum Positiven entwickelt. Rübel kannte nur andere Nachrichten aus seiner Heimat. Ist es nicht auch erst kürzlich gewesen, dass in den Zeitungen über Kassel stand, es sei die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in Deutschland?

In der Tat erlebt sie gerade so etwas wie ein zweites Wirtschaftswunder. Um nur eine Zahl zu nennen: Im Frühjahr 2005 lag die Arbeitslosenquote in der Stadt bei 20,6 Prozent. Bis Ende 2011 sank sie auf 9,8 Prozent.

Rübel ist Mitte der 50er Jahre geboren. Das war die Zeit, in der Kassel nach seiner fast völligen Zerstörung im Krieg seine erste Wiedergeburt erlebte. 1953 wurde hier die erste Fußgängerzone Deutschlands eingeweiht, 1955 fand die Bundesgartenschau statt, vor allem aber initiierte der Künstler Arnold Bode die erste Documenta. Sie findet alle fünf Jahre statt, im Juni dieses Jahres wieder, und ist zur weltweit bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst geworden.

Die Fotos im provisorischen Stadtmuseum dokumentieren dieses erste Wirtschaftswunder Kassels nach dem Krieg. Doch für die Ahnung, wie diese Stadt ganz im Norden Hessens Ende der 50er Jahre ausgesehen haben könnte, muss man nicht ins Museum gehen. Noch heute sind Städtebau und Architektur der 50er allgegenwärtig. Auch die Wilhelmsstraße ist gesäumt von diesen dreigeschossigen schmucklosen Gebäuden. In weiten Teilen der Stadt hat sich über Jahrzehnte so gut wie nichts getan.

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