Wirtschaft : Kassen erwarten weiter sinkenden Krankenstand

Arbeitnehmer befürchten Jobverlust – Verdi warnt vor Folgekosten durch verschleppte Krankheiten

Maren Peters

Berlin - Die Krankenkassen rechnen damit, dass der Krankenstand bis zum Jahresende weiter zurückgeht. „Wir gehen davon aus, dass der Krankenstand leicht sinken wird“, sagte DAK-Sprecher Frank Meiners. Als Grund nannte Meiners die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust. Es gebe aber auch Indizien, dass viele Arbeitnehmer bei leichten Erkrankungen wegen der Praxisgebühr nicht zum Arzt gingen, um sich einen „gelben Schein“ ausstellen zu lassen, sich also krankschreiben zu lassen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi befürchtet aber, dass verschleppte leichte Erkrankungen später zu ernsthaftem Erkranken führen können – und damit zu hohen Kosten für Arbeitgeber und Kassen.

Der Krankenstand in Deutschland war im August nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums auf 2,67 Prozent gesunken – und damit zum zweiten Mal in diesem Jahr unter drei Prozent. Noch nie seit Einführung der Lohnfortzahlung für Arbeiter im Jahr 1970 habe ein Monatswert niedriger gelegen, hieß es. Zwischen Januar und August sei der Krankenstand im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um fast zehn Prozent zurückgegangen. Wenn der Krankenstand zurückgeht, sinken auch die Ausgaben der Krankenkassen, da sie das Krankengeld bezahlen.

Auch die Zahl der Arbeitsunfälle ist im ersten Halbjahr deutlich gesunken. Die Berufsgenossenschaften verzeichneten rund 413000 Unfälle – und damit mehr als sechs Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, teilte der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften am Freitag mit. Das ersparte Berufsgenossenschaften und Unternehmen Kosten in Höhe von rund 2,75 Milliarden Euro. Ein Sprecher des Hauptverbandes sagte, in vielen Bereichen sei man „am statistischen Restrisiko angekommen“.

Der Krankenstand sei dagegen in wirtschaftlich angespannten Zeiten traditionell niedriger als in Boomzeiten, wie DAK-Sprecher Meiners sagte. In den vergangenen Jahren sei er kontinuierlich gesunken. „In konjunkturell schwierigen Zeiten gehen die Leute auch mit leichten Erkrankungen zur Arbeit“, sagte auch Michaela Gottfried, Sprecherin des Verbandes der Angestellten Krankenkassen. Dafür spricht auch, dass der Krankenstand – je nach Branche – sehr unterschiedlich ausfällt. Der Krankenstand in relativ sicheren Jobs ist wesentlich höher als in solchen, die als unsicher gelten. So lag der Krankenstand laut DAK-Gesundheitsreport 2004 in der Öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen im vergangenen Jahr mit 4,1 und 3,9 Prozent an der Spitze. Besonders niedrig war er dagegen in den Branchen Rechtsberatung und Wirtschaftsprüfung (2,3 Prozent) sowie Datenverarbeitung (2,4 Prozent).

Der Rückgang des Krankenstands könnte sich zum Herbst wegen der höheren Grippewahrscheinlichkeit allerdings wieder etwas abschwächen, sagte DAK-Sprecher Meiners.

Die Gewerkschaft Verdi befürchtet, dass verschleppte, nicht auskurierte Erkrankungen mittel- und langfristig zu größeren Beschwerden führen könnten – und damit zu höheren Folgekosten. „Das kann sich langfristig negativ auswirken“, warnte Verdi-Expertin Margret Steffen. Außerdem zögen sich Erkrankungen, die nicht richtig auskuriert würden, länger hin. Ob die erwartete wirtschaftliche Erholung den Krankenstand wieder nach oben treiben wird, glaubt die Verdi-Expertin nicht. „Das Wirtschaftswachstum schlägt sich auf dem Arbeitsmarkt erst zeitverzögert nieder“, sagte Steffen. „Die soziale Verunsicherung der Menschen wird weiter anhalten.“

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