Wirtschaft : Katrin Faschina-Lemke

(Geb. 1964)||Als sie aufstehen kann, geht sie Salsa tanzen. Wer sollte sie hindern?

Kerstin Decker

Als sie aufstehen kann, geht sie Salsa tanzen. Wer sollte sie hindern? Luftballons fliegen in den Himmel über Berlin, 50 Luftballons vom obersten Balkon eines Hauses in der Zionskirchstraße. Kein Kindergeburtstag. Eine Trauerfeier. Eigentlich sollten die Ballons direkt neben ihrem Grab aufsteigen, das hatte sie sich gewünscht, aber Luftballons auf deutschen Friedhöfen, das geht nicht. Sagt die Friedhofsverwaltung.

Und dann, einen Monat später, sitzen die Freundinnen wieder auf Katrins Balkon, zum zweiten Mal ohne sie. Es ist noch immer unwirklich, so als müsste sie gleich durch die Tür kommen. Der Balkon scheint zu schweben zwischen Himmel und Erde, das hatte sie gleich gemocht; hier liegt einem Berlin zu Füßen. Und es blüht wieder, wie in all den anderen Sommern. Zum ersten Mal hat ihr Mann die Töpfe und Blumenkästen bepflanzt, ihr Mann, der jetzt allein ist mit den Kindern. Ein kahler Balkon, das weiß Frank, hätte sie enttäuscht. So kann sie sehen, alles ist in Ordnung. Wenigstens ein bisschen.

Als sie zum ersten Mal auf diesem Schwebebalkon steht, im Frühjahr 1997, ist das wie eine Bestätigung. Dass sich das Leben manchmal sehr unwirklich benimmt, weiß sie schon lange. Schließlich hat sie, ein Kind des 29. Februars, nur alle vier Jahre Geburtstag. Wenn sie nicht längst dazu übergegangen wäre, ihren Geburtstag am 28. Februar vor- oder am 1. März nachzufeiern. Aber in diesem Frühjahr 1997 auf dem Zionskirchstraßenbalkon stimmt einfach alles. Nicht nur die Stadt, das Leben selbst liegt ihr zu Füßen. Talisa ist gerade geboren, ihr zweites Kind von dem zweiten Mann, den sie liebt. Und mit ihm zieht sie jetzt hier ein. Eine Frau, einunddreißig Jahre alt, Physiotherapeutin an der Charité. Sie gehört zu den Menschen, bei denen nie ganz sicher ist, ob sie ihren Beruf gewählt haben, oder ob nicht vielmehr der Beruf sie gewählt hat. Physiotherapeutin war sie schon vor der Wende. Behinderte Babys und Kleinkinder werden still in ihren schönen schmalen Händen mit den langen Fingern. Mit Katrin machen diese Kinder Bewegungen, die ihnen fast nicht möglich sind. Sie erfindet für jedes ein neues Spiel.

Und dann hört Katrin Faschina-Lemke das Urteil einer Therapeutin West über ihre Kolleginnen Ost: „Die arbeiten mit den Kindern ja wie mit Maschinchen.“ Der Satz gilt nicht ihr, aber sie ahnt, dass hier noch etwas zu lernen ist. Bobath-Therapie heißt das magische Wort. Sie belegt einen Kurs in Bonn, den bezahlt sie selbst. Und kommt an Wochenenden manchmal weinend zurück nach Berlin. Sie ist die Erste aus dem Osten in einem Bobath-Kurs. War es denn so falsch gewesen, sich als Fachphysiotherapeutin vorzustellen? Alle anderen hatten gesagt, sie seien Krankengymnastinnen. Schräge Kursteilnehmerinnen-Blicke trafen sie: Wer ist das denn? Ein Besser-Ossi? Aber sie, Katrin Faschina-Lemke, hatte doch nicht nur eine Ausbildung, sie hatte ein richtiges Fachschulstudium gemacht. Nein, Bonn war keine gute Erfahrung. Aber diese Bobath-Therapie war richtig. Denn es gibt Dinge, die sind neu und doch so seltsam vertraut, als hätte man sie schon immer gekannt.

Jetzt, 1997, ist sie schon Obertherapeutin an der Charité, und Lehrtherapeutin ist sie auch. Wenn das die Bonner Krankengymnastinnen wüssten! Und dabei ist sie jung und schön; eine Mutter zum Angeben, mehr Freundin als Mutter, wird ihr ältester Sohn Max später sagen. Gleich werden sie alle zusammen ans Meer fahren, der Sommerurlaub auf Kreta ist schon gebucht. Wenn sie nicht in Berlin wohnen würde, denkt die Berlinerin manchmal, würde sie wohl am Meer wohnen.

Katrin Faschina-Lemke fliegt nicht nach Kreta in diesem Sommer. Brustkrebs lautet die Diagnose. Kurz vor der Operation fahren sie dann doch weg, nur für ein paar Tage, nur Frank und sie. Einmal noch ihren Körper so erleben, wie sie ihn kennt und mag. Bilder von Katrin auf einem Heuballen, lachend, mit ausgebreiteten Armen, als ob sie fliegen kann. So wie die Engel, die sie malt. Zwischenwesen auf leicht verschwimmenden Aquarellen. Auftriebswesen. Schwebewesen. Die Engel sind überall in ihrer Wohnung. Es gibt sogar ein Klo voller Engel. Und die schreienden Möwen, die sie an die Kinderzimmer-Wand malt, müssen mit ihnen verwandt sein.

Das Ende? Es ist, ahnt Katrin, nur ein anderer Name für die Möglichkeit eines Anfangs. Noch im Krankenhaus fragt Frank, ob sie ihn heiraten will. Zwei Chemotherapien, und dann, im Sommer 2000 kommt Tilman zur Welt. Katrin hat immer drei Kinder gewollt. Wer sollte sie hindern? Sie gibt Partys. Wer sollte sie hindern? Sie hält Vorträge vor großen Kollegien. Sie hilft einer Freundin beim Umzug, da kommt sie gerade von einer Chemo-Infusion. Der Krebs ist wieder da, länger schon. Er ist in der Lunge, dann in den Knochen. Als sie wieder aufstehen kann, geht sie Salsa tanzen. Wer sollte sie hindern? Sie macht alle, die um sie sind, stärker. Fast zehn Jahre lang. Zu Ostern wollen die Kinder wie immer im Garten eines Freundes Ostereier suchen. Aber sie gehen ins Krankenhaus; sie sehen ihre Mutter zum letzten Mal. Und dann machen sie eine seltsame Erfahrung: Sie ist immer noch da. Manchmal. Sie ist ein Schwebewesen.

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