KAUFEN oder NICHT : Besser als Dosenbier

Jens Tönnesmann testet Prosecco aus der Dose

Jens Tönnesmann

Manch feiner Tropfen hat die Eigenschaft, den Trinkenden in eine andere Welt zu versetzen, wenn der beim ersten Schluck seine Augen schließt. Ein richtig gut aufgebrühter Kaffee etwa kann den Genießer für einen Moment in eine kleine Espressobar irgendwo in Rom versetzen. Und ein frisch gezapftes Bier schmeckt nach einem heißen Sommerabend mit Grillenzirpen und Würstchenqualm.

Wenn der Dosen-Prosecco „Rich“, für den Society-Girl Paris Hilton wirbt, so schmecken würde wie er soll, man würde sich beim ersten Zug aus dem Strohhalm vielleicht leicht bekleidet in der Südsee auf einer Yacht wiederfinden; und Paris Hilton würde, natürlich ebenfalls leicht bekleidet, über das Deck herbeispazieren und …

Aber so ist es nicht. Weder Karibik, noch Paris, die sich jüngst vollständig auszog, um den Schaumwein und zugleich – ganz mitmenschlich – Hilfsprojekte in Afrika zu bewerben, erscheinen auf der geistigen Bildfläche. Stattdessen: „Blasse Gesichter, verrauchte Bars, Schickimicki-Discos“ – so die Assoziationen im Freundeskreis beim ersten Schluck vom neuartigen Promi-Sprudel. Für Hilton’s etwa zwei Euro (0,2 Liter) teuren Prosecco aus der goldglänzenden Dose gilt, was für so manches Society-Girl zutrifft: Die äußere Fassade ist zwar makellos, aber die inneren Werte sind – nun ja.

Dabei haben wir Flaschengewohnte und Korkensozialisierte dem Prosecco wahrhaftig eine echte Chance gegeben. Wir haben vorher Weißbrot verköstigt, um den Geschmack zu neutralisieren; haben silberne und pinke Strohhalme gereicht, es mit Auf-der-Zunge-zergehen- Lassen und Hinunterkippen versucht. Haben beim blechernen Anstoßen „Prost“ gerufen, „Stößchen“ und sogar „Döschen“ gesäuselt, um uns in Stimmung zu bringen, haben die Augen geschlossen und uns ganz und gar auf das versprochene „frische, spritzige Bukett“ konzentriert. Aber in Anschlag, Ausbau und Ausklang: „zu säuerlich-suffig“, so der einhellige Eindruck.

„Immerhin besser als Dosenbier.“ Das war noch das netteste Kompliment, das jemand über die schaumweinbenetzten Lippen brachte. Aber halt, einen zweiten Pluspunkt gab es doch noch. Dosen-Prosecco animiert zu mehr Mitmenschlichkeit, zum Teilen mit anderen. Oder wie soll man den Satz „Du kannst meine Dose gerne leer trinken“ sonst deuten?

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