Kaufhäuser : Anprobieren, reklamieren

Alles für alle – das Konzept der Kaufhäuser. Ein Besuch bei Treteimer und Hamsterrad

Deike Diening
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Auf Schnäppchenjagd. Kundinnen bei Karstadt am Neuköllner Hermannplatz. Foto: Thilo Rückeis

Die Rolltreppen züngeln bis in den U-Bahnhof hinunter und holen die Kunden dort ab, wo sie stehen. An der U7. Man kann also nicht sagen, sie hätten es nicht versucht.

Karstadt am Hermannplatz ist ein Solitär unter den Kaufhäusern, eine Pilgerstätte in Neukölln, tief verwoben mit seiner Umgebung, voller Dinge, die man woanders lange suchen müsste. Bei Eintritt findet – winters im warmen Gepuste der Lüftung – die wundersame Verwandlung der Besucher in die Gattung „Kunde“ statt. Vorbei an den Süßwasserperlenketten, schon steht er da, trägt sich mit einem Erwerbsgedanken. Das abstrakte Geld soll sich hier zurück in Gegenstände verwandeln.

Kissenbezüge. Schwimmbrillen. Leuchtmittel. Rasendünger. Autowachs. Kulturbeutel. Kaminbesteck. Shredder. Ausladende Strohhüte sagen zum Sommer „Trau Dich“. Kaufhaus ist die Idee „alles für alle.“ Deshalb sind die Sportschuhe unterteilt in „Trekking“, „Running“, „Indoor“, „Trend“. Eine kniende Verkäuferin tastet nach dem großen Zeh. – na, wo drückt der Schuh?

Auch dieses Haus gehört zu Karstadt, und Karstadt kriselt. Vielleicht ist das Problem der Kaufhäuser, dass sie so gutwillig führen, was der Kunde wirklich braucht. Die Folge davon ist, dass alle nur noch Besorgungen machen, keine Lustkäufe. Oder wann hat zuletzt einer bei der beeindruckenden Auswahl Schulterpolster über die Stränge geschlagen? Beim Autowachs mehr gekauft, als er vorhatte? Oder einen Vorrat Bleibänder angelegt, mit denen man im unteren Saum Gardinen beschwert?

Stattdessen bildet man sich eine Meinung. Man vergleicht. Man erfährt Details. Man läuft prüfend auf und ab. Man lässt sich beraten. Man probiert an. Man lässt auswiegen. Man wiegt ab. Man reklamiert. Man beanstandet. Man sieht sich in Spiegeln halb nackt. Man zieht die Schuhe wieder an. Man lässt sich werben. Man unterschreibt. Man lässt kürzen. Man bleibt länger. Man lässt sich für alle Fälle bis Samstag was zurücklegen.

Kaufhäuser haben eine gewisse Aufenthaltsqualität, sagt eine Verkäuferin der Damenoberbekleidung im ersten Stock. Das liegt am Angebot. Wissenschaftler haben auch ausgerechnet, wie man Regale so aufstellt, dass man länger bleibt.

Es gibt, sagt eine Verkäuferin der Damenoberbekleidung, ältere Leute, die kommen jeden Tag. Man kann dann dabei zusehen, wie sich die Zeit der Kunden in Geld für das Kaufhaus verwandelt. Sogar Zeit für einen Schwatz und Schokolade bringen sie mit. Aber ist es im Sinne des Erfinders, wenn man in ein Kaufhaus etwas hineinträgt?

Für den Kaufhausbesuch sprechen dieselben Gründe wie für einen Umzug nach Berlin: Die Leute sagen, es ist dieses überwältigende Angebot! Zu wissen, dass man täglich über 100 verschiedene Veranstaltungen besuchen könnte! Aber tun sie es? Genau das ist das Problem.

Dabei ist allein die Besichtigung des Angebots ein Erlebnis, wie es in spezialisierten Fachgeschäften nicht stattfindet. Kaum ist man gelangweilt von den Abfalleimern, geordnet nach Treteimern und denen mit Schwingdeckel, tauchen die Badvorleger auf. Da sind Tabletts, und bald zwei Dutzend verschiedene Brotkästen. Welche unterschiedlichen Formen die Idee eines Brotkastens annehmen kann! Man hat die Differenzierungsmöglichkeiten bei Brotkästen völlig unterschätzt. Da sind Schneidebretter, Messbecher, kleine Herden verschiedener Arten. In Kaufhäusern treten die Dinge immer in Rudeln auf. Ein Schwarm Zitruspressen hockt im Regal, da ist keine wie die andere. Nicht weit entfernt eine Wolke von elektrischen Schneidemaschinen. Da sind Butterdosen, Etageren, Tischstaubsauger, Fonduetöpfe, Allesschneider.

Meistens haben Kaufhäuser keine Fenster, damit man nicht durch die Wirklichkeit abgelenkt wird. Die Jahreszeiten fluten herein in Form von Ostereiern, Strohhüten, Bademoden oder eben Taschenwärmern, Skimode und Stulpen. Und das Problem von Allesschneidern ist auch, dass sie keine spezialisierten state-ofthe-art-Klingen haben. Es ist bei aller Auswahl ein bisschen langweilig, und für’s Extrem nicht geeignet. Kaufhäuser bieten Konsens-Konsum.

Über den Haushaltswaren spielen sie jetzt Vogelgezwitscher ein. Eine Angestellte staubt das Porzellan ab. Sieht so Krise aus?

Die Idee „alles“ zu haben, führt leider nicht unbedingt dazu, dass man auch alles verkauft. Sie führt dazu, dass sie hier Gegenstände ausstellen, von denen die Hälfte der Bevölkerung vollkommen vergessen hat, dass es sie gibt, während die andere Hälfte ohne sie nicht leben will. Hinter dem Rasendünger ist zum Beispiel Regalplatz für Steckschaum reserviert. Steckschaum für Blumengestecke!

Hey, dies ist eine Ausstellung für Kulturtechniken der Gegenwart. Keine Ahnung, wie viel Deckungsbeitrag der Steckschaum liefert – aber wo sonst sollte man ihn kaufen, wenn sie ihn hier aus dem Sortiment nehmen? Wer hält noch Steckschaum vor?

Man müsste darüber diskutieren, ob die Kaufhäuser nicht einen Grundversorgungsauftrag haben, wie die Bahn oder die Telekom. Zur Versorgung seltener Grund- und entlegener Randbedürfnisse. Wegen der Reißverschlüsse.

„Ihre Meinung ist uns wichtig“, sagt eine Lautsprecherdurchsage.

Ein Kaufhaus ist ein Panoptikum. Man geht in ein Kaufhaus, wenn man hofft, dass es origineller ist, als man selbst. Dieses Unspezifische des Angebots ist schön, man kann hingehen, wenn man noch nicht weiß, ob Jacke oder Hose. Ein bisschen Geld für ein Mitbringsel. Noch keine Idee. Ein Ziel wird sich finden.

4,99 Euro können sich auf wundersame Weise in der Kleintierabteilung in einen zuckenden, zweifarbigen Bratpfannenwels verwandeln oder in 250 Gramm Kälberblasen für Welpen. In der Lebensmittelabteilung jedoch in eine Dose Esskastanien oder ein Glas Pfifferlinge.

Die Lebensmittelabteilung liegt ganz unten, und jetzt, an einem Nachmittag in der Woche, gähnen die Tiefkühltruhen kalt. Hier haben sie wirklich ALLES, und das ist gut, wenn man ein exotisches Rezept hat oder aber Inspiration braucht. Hier unten ist der Ort für Lustkäufe. Mitten in Neukölln kann man sich auch in der Wirtschaftskrise jederzeit vergewissern, dass Austern noch gehandelt werden.

Wie viele Sorten Pumpernickel! Einige Regalmeter sind der Kombination von Ingwer und Schokolade gewidmet. Eine freundliche Versammlung von Salzsorten. In Körben recken sich einem Zitrusfrüchte entgegen. Aber ernährt diese Abteilung das ganze Haus?

In einer Ecke im Erdgeschoss, vor dem Ausgang zur Urbanstraße, liegt die berühmte Kleintierabteilung von Karstadt. Es raschelt und wuselt in den Käfigen, Kinder verlangen, die Fische zu sehen. Der Futtergeruch ist überwältigend. Auf Kniehöhe drehen sich die Hamsterräder.

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