Kaufhauskette : Eigentümer wollen Arcandor mitretten

Die Hauptaktionäre, die Familien Oppenheim und Schickendanz, prüfen offenbar erste Schritte, um die Rettung von Arcandor mit einem eigenen Einsatz zu unterstützen. Zugleich gibt es die Forderungen an den Staat, den Warenhauskonzern zu retten.

BerlinFür die Zukunft des angeschlagenen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor sieht es düster aus: Die EU-Kommission, die eventuelle Hilfen der Bundesregierung genehmigen muss, schließt Gelder aus dem Deutschlandfonds für die Karstadt-Mutter aus. Die dabei erforderlichen Kriterien seien nicht erfüllt. Demnach haben nur solche Firmen Anrecht auf Staatshilfe, wenn sie nicht durch Missmanagement, sondern durch die Finanzkrise in Schwierigkeiten gekommen sind.

"Auf Basis der vorläufigen Informationen, die wir haben, geriet Arcandor bereits vor dem 1. Juli, also vor Beginn der Finanzkrise in Schwierigkeiten und könnte deshalb diese Beihilfe nicht in Anspruch nehmen", sagte der Sprecher von Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes. Allerdings schließe dies nicht aus, dass das Unternehmen andersartige Hilfen unter den "üblichen Leitlinien zur Restrukturierung und Rettung von Unternehmen" erhalten könne. Darüber habe die Kommissarin auch mit Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gesprochen, ergänzte der Sprecher.

Offenbar muss Konzern-Chef Karl-Gerhard Eick inzwischen mit dem Schlimmsten rechnen. Nach seiner Ansicht ist die staatliche Bürgschaft über insgesamt 650 Millionen Euro für das Überleben der Karstadt-Mutter unablässig. Nur so könne mit den Hausbanken über die Verlängerung der am 12. Juni fälligen Kredite verhandelt werden. "Andernfalls droht die Insolvenz".

Die Kreditverhandlungen sind inzwischen tatsächlich ins Stocken geraten, da sich die kleineren der Kredit gebenden Banken querstellen. Nach Informationen der Nachrichtenagenturen dpa und Reuters, sind sie nicht mehr bereit, den auslaufenden Kredit  zu verlängern oder neue Darlehen zu gewähren.

Offenbar rechnen einige der Institute nicht mehr damit, dass Arcandor Staatshilfe erhalten wird und versuchen nun zu retten, was noch zu retten ist. "Sie fürchten vor allem, bei den Sicherheiten schlechter gestellt zu werden als die großen Kreditgeber", sagte ein Insider. Ein Ausscheren der kleineren Häuser, die den Kreisen zufolge zusammen rund 100 Millionen Euro an Krediten stellen, ginge wohl mit einem Ende der Kreditverhandlungen einher. "Es müssen alle an einem Strang ziehen", sagte eine weitere mit den Gesprächen vertraute Person. "Es gibt entweder eine gemeinsame Lösung oder keine Lösung", ergänzte ein dritter Eingeweihter.

Die Hoffnung von Arcandor-Chef Eick liegt nun auf den Hauptanteilseignern seines Unternehmens, der Kölner Bankiersfamilie Oppenheim mitsamt der Quelle-Erbin Madeleine Schikedanz. Sie wollen sich offenbar stärker als bislang angenommen an der Rettung des eigenen Konzerns beteiligen. Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Demnach führt Friedrich Carl Janssen, Oppenheim-Bankier und Aufsichtsratsvorsitzender bei Arcandor, bereits Gespräche mit Politikern der beiden Koalitionsparteien CDU/CSU und SPD.

Dabei geht es laut FAZ darum, wie der Beitrag der beiden Haupteigner aussehen könnte. Wie aus gutunterrichteten Kreisen verlaute, würden verschiedene Konzepte geprüft. Präferiert werde ein Modell, bei dem die beiden Familien dem Staat ihre Aktienpakete als Sicherheit zur Verfügung stellen, solte Arcandor tatsächlich die Staatshilfen erhalten. Nach Abschluss der Sanierung des Konzerns würden diese Aktien dann an die Eigner zurückgehen.

Oppenheim und Schickedanz halten zusammen annähernd 60 Prozent der Arcandor-Anteile, wobei die Kölner Bankiersfamilie mit knapp unter 30 Prozent das etwas größere Paket besitzt. Sie war im vergangenen Herbst über eine Kapitalerhöhung bei Arcandor eingestiegen und hatte Aktien aus dem Schickedanz-Besitz erworben. Erst durch diese neue Maßnahme konnte der Konzern unter der neuen Führung von Karl-Gerhard Eick seine Geschäfte überhaupt fortführen.

Die Frage nach den möglichen Staatshilfen und der Rolle der beiden Haupteigentümer bestimmt seit der Opel-Rettung die politische Debatte in Berlin. Insbesondere SPD-Politiker hatten sich für eine Bürgschaft ausgesprochen. Der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, fordert nun auch mehr Engagement der Besitzerfamilien gefordert. "Die Eigentümer müssen klipp und klar sagen, welchen Beitrag sie zur Lösung leisten werden". Zugleich betonte er: "Der Staat muss diesen Prozess aktiv begleiten und dafür sorgen, dass die Rechte der vielen Tausend Arbeitnehmer nicht auf der Strecke bleiben." Es sei zwar nicht Aufgabe des Staates, für Managerversagen aufzukommen. "Die Frage ist doch aber: Sollen das jetzt die Verkäuferinnen an der Kasse ausbaden? Das kann doch niemand gerecht finden".

Auch SPD-Chef Franz Müntefering plädierte erneut für Staatshilfen zur Rettung angeschlagener Unternehmen wie Arcandor. "Ich bin dafür, dass wir auch in dem Fall eine Rettung versuchen". Es gehe darum, dass der Konzern Zeit gewinne, um sich zu stabilisieren. "Es ist sehr viel besser, finanzielle Bürgschaften zu geben, Arbeitsplätze zu retten, Kurzarbeit zu finanzieren – für die Menschen persönlich, für die Wirtschaft und die Stimmung im Land". Jeder Arbeitsplatz sei gleich viel wert – der eines Mechanikers bei Opel und der einer Verkäuferin bei Karstadt. "Wenn es eine 51-Prozent-Chance gibt, ein Unternehmen zu retten, dann lasst es uns versuchen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen dämpfte Hoffnungen auf eine Rettung nach dem Vorbild von Opel. "Ich sehe keinen zweiten solchen Fall", sagte die CDU-Vorsitzende. Auch Wirtschaftsminister Guttenberg warnte erneut vor "vorauseilenden Heilsversprechen". Diese Entscheidungen müssten sich generell streng am vorgeschriebenen Verfahren und an den Kriterien des sogenannten Deutschlandfonds orientieren.

Am kommenden Montag will sich der Lenkungsausschuss des Bundes mit dem Fall Arcandor beschäftigen und über die beantragte Staatshilfe entscheiden. Bereits an diesem Mittwoch wollen Quelle-Beschäftigte mit einer Kundgebung in Nürnberg den Druck auf die Politik erhöhen und deutlich machen, dass es nicht nur um die Karstadt-Warenhäuser geht. Zu der gemeinsamen Veranstaltung von Quelle- Geschäftsleitung, Betriebsrat und der Gewerkschaft ver.di werden mehr als 3000 Teilnehmer erwartet. Konzernbetriebsratschef Hellmut Patzelt bat darüber hinaus Merkel, Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in einem Brief um ein persönliches Treffen. 

(ZEIT ONLINE, kg, dpa, Reuters)

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