Kauflust : Konsumklima: Kein Zuckerschlecken

Rote Zahlen, düstere Aussichten: Der deutsche Einzelhandel blickt pessimistisch in die Zukunft.

David C. Lerch
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Abwärts. Der Einzelhandel hat 2009 ein Umsatzminus von 2,4 hinnehmen müssen. Auch 2010 soll es nicht aufwärts gehen. Foto: dpadpa

Düsseldorf - Der deutsche Einzelhandel hat ein schwarzes Jahr hinter und alles andere als eine rosige Zukunft vor sich. Im vergangenen Jahr sanken die Umsätze so stark wie seit 1994 nicht mehr: Nominal gingen die Einnahmen um 2,4 Prozent zurück, real um 1,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Ein Minus verbuchte sowohl das Lebensmittelgeschäft als auch der sonstige Handel in Waren- und Kaufhäusern. Nur mit dem Verkauf von Medizin und Kosmetik lag die Branche im Plus – 2,3 Prozent gegenüber 2008. Das wichtige Weihnachtsgeschäft blieb insgesamt hinter den Erwartungen zurück. Nach Angaben des Handelsverbandes HDE lagen die Umsätze im November und Dezember 2009 um 1,9 Prozent unter denen des Vorjahres. Detaillierte Zahlen für Berlin liegen noch nicht vor.

Auch dieses Jahr bietet den Händlern nur eine pessimistische Perspektive. „Auslöser für positive Umsatzimpulse sind nicht in Sicht“, sagte der Hauptgeschäftsführer des HDE, Stefan Genth, am Dienstag in Berlin. In branchengerechter Bildsprache stellte er fest: „2010 wird für den Einzelhandel kein Zuckerschlecken.“ Das dem so ist, liegt vor allem an zwei Entwicklungen, die 2009 die Händler vor weiteren Einbußen bewahrten und die sich nun drehen dürften. Zum einen trotzte der Arbeitsmarkt bisher der Rezession, zum anderen blieben die real verfügbaren Einkommen durch die geringe Inflation und vor der Krise ausgehandelten Tariferhöhungen bis dato mindestens konstant. Beides kann 2010 ganz anders aussehen und den Druck auf den Einzelhandel zusätzlich erhöhen. Der HDE geht von nominal stagnierenden Umsätzen in 2010 aus. Bereinigt um Preisveränderungen ergebe das einen Rückgang um 0,5 Prozent. „Die Folgen der Krise werden uns noch beschäftigen, wenn es für andere Branchen längst wieder bergauf geht“, warnte Genth.

Die geringen Erwartungen des Handels dämpfen auch die Aussichten für die Konjunkturerholung insgesamt. Ökonomen gilt der Einzelhandel als wichtiger Indikator, weil er anders als etwa Ausgaben für Mieten stark schwanken kann.

Auch in Berlin beobachtet man bangen Blickes die Entwicklung am Arbeitsmarkt. „Daran hängt der Berliner Einzelhandel in besonderem Maße“, erklärte Klaus Fischer vom Handelsverband Berlin-Brandenburg. Ohnehin habe die Kaufkraft der Stadt 2009 im Vergleich zu anderen Bundesländern stark nachgelassen. Steigende Arbeitslosigkeit würde das verstärken. Fischer setzt auf Berlins Attraktivität: „Ohne Touristen würde der Handel noch wesentlich stärker leiden.“

Eine andere Entwicklung zeigt der Handel über das Internet: Der Krise zum Trotz stiegen die Online-Warenumsätze im vergangenen Jahr auf insgesamt 15,5 Milliarden Euro. Das sind rund 16 Prozent mehr als im Vorjahr, wie der Bundesverband des Deutschen Versandhandels (BVH) am Dienstag in Hamburg mitteilte. Damit sind allerdings die Internetgeschäfte aller Handelssegmente abgedeckt, keinesfalls nur der Versandhandel und die ausschließlich im Internet tätigen Unternehmen wie Ebay oder Amazon, die das Statistische Bundesamt zusammenrechnet.

Solcherlei Trennungen erscheinen in einer vernetzten Handelswelt ohnehin immer weniger sinnvoll. Denn längst werben auch stationäre Größen wie etwa die Warenhauskette Karstadt oder der Drogeriemarkt Rossmann um den Käufer im Netz. „Die großen Häuser setzen immer stärker auf das Internet. Dort liegt für sie ein enormes Wachstumspotenzial“, sagte Hansjürgen Heinick von der Handelsberatung BBE Retail Experts dem Tagesspiegel. So startete etwa der Discounter Lidl vor rund einem Jahr mit einem virtuellen Shop, der vor allem Angebote wie die Entwicklung von Fotos bereithält. Es scheint sich zu lohnen. „Alle Segmente verzeichnen steigende Internetumsätze“, erklärte ein BVH-Sprecher.

Im reinen Versandgeschäft sieht das anders aus. In Erinnerung bleiben wird das Jahr 2009 vor allem als das Schicksalsjahr des einst größten deutschen Versandhauses. Die Insolvenz und die Abwicklung von Quelle halfen zwar auch der Konkurrenz, aber sie kosteten die Versender insgesamt Kunden. Zudem bestätigte der Niedergang der Franken den Trend der gesamten Branche. Neben einigen spezifischen Problemen verschlief Quelle lange den virtuellen Wachstumsmarkt und setzte zu lange auf das klassische Geschäft mit dem Katalog.

Auch im vergangenen Jahr sank der Umsatzanteil der Bestellungen am Telefon, per Brief oder Fax um fast sechs Prozentpunkte. „Der Wareneinkauf per Internet dominiert das Versandgeschäft“, sagte BVH-Vorstand Thomas Lipke am Dienstag. Tendenz steigend: Durch neue Techniken, Kommunikationsformen wie Smartphones oder soziale Netzwerke erwarten die Versandhändler weiteres Wachstum im Internet.

Dabei schielen sie schon lange nicht mehr nur auf die junge Generation. Im Gegenteil: Bei den über 60-Jährigen stieg der Anteil der Online-Besteller im vergangenen Jahr von 19 auf 28 Prozent, bei den 50- bis 59-Jährigen kletterte er von 43 auf 58 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass sich das Internet als Bestellweg zukünftig über alle Altersgruppen hinweg als der Einkaufskanal etablieren wird“, sagte Lipke.

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