Wirtschaft : Kaum Chancen für Vioxx-Kläger

Experten: Nachweis von Schaden durch das Medikament für Opfer schwierig

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Berlin Experten sind skeptisch, dass Klagen von Vioxx-Opfern in Deutschland Erfolg haben werden. „In den meisten Fällen dürfte es schwer sein nachzuweisen, dass der Schlaganfall oder Herzinfarkt allein durch Vioxx hervorgerufen wurde", sagt der Gesundheitsexperte Stefan Etgeton von der Verbraucherzentrale Bundesverband. „Das ist eine gravierende Eintrittshürde.“ Auch der Berliner Opferanwalt Andreas Schulz sagt: „Wenn das Gericht einen Ursachenzusammenhang verneint, dann wird das eine kurze Sache.“

Der US-Pharmakonzern Merck hatte das Schmerzmittel Vioxx Ende September weltweit vom Markt zurückgezogen. Eine Kontrollstudie hatte ergeben, dass das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Patienten steigt, die das Mittel länger als 18 Monate einnehmen. Allein in Deutschland könnte das Mittel nach Einschätzung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in 2500 Fällen zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und Thrombosen geführt haben. Einige dieser Patienten, so die Einschätzung, dürften das nicht überlebt haben. In der vergangenen Woche hatten zwei Berliner Vioxx-Patienten die ersten Strafanzeigen gegen die deutsche Merck-Tochter MSD gestellt.Der Vorwurf: Das Unternehmen soll schon früher von den gefährlichen Nebenwirkungen gewusst, das Mittel aber trotzdem weiter verkauft haben. Nach Meinung von Dirk Stichtenoth, klinischer Pharmakologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, habe schon eine Studie aus dem Jahr 2000 ein erhöhtes Risiko bei Vioxx gezeigt. „Merck hätte eher handeln müssen und auf jeden Fall das Marketing deutlich herunterfahren müssen." Das sei aber nicht erfolgt. Auf Unternehmensseite sieht man das anders. „Man kann nicht sagen, dass das Unternehmen zu spät reagiert hat“, sagt Rechtsanwalt Herbert Wartensleben, Spezialist für Arzneimittelhaftung und langjähriger Berater von MSD. Auch Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, sieht das Unternehmen im Recht: „Das Risiko war zwar der Art nach bekannt, wie hoch das Risiko aber tatsächlich war, jedoch nicht.“

Die deutsche Merck-Tochter geht davon aus, dass Strafanzeigen von Vioxx-Opfern im Sande verlaufen werden. „Die Chancen auf Erfolg halte ich für sehr gering", sagt Wartensleben. Nachzuweisen, dass allein Vioxx den Herzinfarkt eines bestimmten Patienten ausgelöst habe, sei eine sehr schwierige Sache. „Ein Herzinfarkt kann viele Ursachen haben", sagt der Anwalt.

Ob die Chancen der deutschen Vioxx-Opfer bei einer Klage in den USA größer sind, ist schwer zu sagen. „Die Frage kann derzeit keiner beantworten“, sagt Rechtsanwalt Schulz. Er rät Betroffenen, sich die Option offen zu halten – und unterdessen vorsorglich Ansprüche bei dem Pharmakonzern anzumelden.pet

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