Wirtschaft : Kaum noch Hoffnung für Kirch

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Die Krise der hochverschuldeten Kirch-Gruppe hat sich am Donnerstag weiter zugespitzt. Eine neue Verhandlungsrunde der Gläubigerbanken mit den Gesellschaftern blieb ohne Ergebnis. Auch von einem Treffen von Banken und Filmstudios mit dem Medienunternehmer Rupert Murdoch in Los Angeles wurde keine Überraschung erwartet. Beobachter gehen davon aus, dass Kirch an diesem Freitag beim Amtsgericht München Insolvenzantrag stellt.

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Bis zum Abend wollten die Beteiligten die Bemühungen zur Sanierung der Kirch-Gruppe allerdings noch nicht für gescheitert erklären. Offenbar warteten die Verhandlungsparter auf ein Ergebnis des Treffens in Los Angeles. Rupert Murdoch beriet dort dem Vernehmen nach mit Vertretern der Hypo-Vereinsbank und der Bayerischen Landesbank sowie Gesandten einiger US-Filmstudios über die Zukunft des defizitären Kirch-Bezahlsenders Premiere. "Neue Impulse, die eine Insolvenz der Kirch-Gruppe verhindern könnten, erwarten wir aber nicht", sagte ein Banker dem Tagesspiegel. Wegen der Zeitverschiebung wurde mit Ergebnissen des Gesprächs frühestens am späten Donnerstagabend gerechnet.

Murdoch ist über den britischen Pay-TV-Sender BSkyB mit 22 Prozent an Kirchs Abofernsehen beteiligt. Das Unternehmen kann sich ab dem 1. Oktober aus dem Engagement zurückziehen und dann von Kirch 1,6 Milliarden Euro verlangen. Premiere ist mit Verlusten von 1,5 Millionen Euro pro Tag Kirchs größtes Problem. Im vergangenen Jahr erzielte der Sender vor Steuern und Zinsen einen Verlust von fast einer Milliarde Euro. Mit rund 2,4 Millionen Abonnenten blieb Premiere weit hinter den Planzahlen zurück. Kreisen zufolge sollte es bei dem Treffen in den USA vor allem um die Nachverhandlung von Film-Verträgen und weniger um die Rettung von Kirch-Media gehen. Sollte Kirchs Kerngeschäft insolvent werden, stünde wohl auch der Bezahlsender Premiere vor dem Aus.

"Die Zeit läuft ab", hieß es am Donnerstag in Finanzkreisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kirch Insolvenz anmelden müsse, sei inzwischen deutlich größer als ein neuer Anlauf in den Verhandlungen der Banken und Investoren. "Dann werden alle Beteiligten sehen, wie viele Federn sie lassen müssen." Banker sehen in einem geordneten Insolvenzverfahren, das die Kirch-Gruppe deutlich verkleinert und auf ihr Kerngeschäft reduziert, mittlerweile die "größeren materiellen Chancen" als in einer Fortsetzung der Sanierungsgespräche.

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"Am sinnvollsten wäre es, Premiere abzuschalten und das werbefinanzierte Fernsehen der Kirch-Gruppe neu zu positionieren", sagte Karina Gundermann, Medien-Analystin bei der Bankgesellschaft Berlin. "In der derzeitigen Struktur der deutschen Fernsehlandschaft mit 30 frei empfangbaren Sendern hat das Abo-Fernsehen einfach zu geringe Chancen." Auch mit neuen Eigentümern der Kirch-Gruppe bleie die Filmbibliothek des Medienkonzerns wertvoll. "Aber Filme sind verderbliche Ware", so Gundermann. So sei das Filmvermögen Kirchs laut jüngsten Bewertungen von 1,7 Milliarden auf nur noch 320 Millionen Euro gesunken.

Die Opposition im bayerischen Landtag machte am Donnerstag die Staatsregierung Bayerns für die Schieflage der Kirch-Gruppe mitverantwortlich. "Die Bayerische Landesbank hätte schon viel früher vor den Risiken - etwa bei der Finanzierung des Formel 1-Engagements der Kirch-Gruppe - warnen müssen", sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Franz Maget dem Tagesspiegel. Im Falle einer Insolvenz Kirchs rechnet Maget mit einer "ausgewachsenen Regierungskrise" und Folgen für den Kanzlerkandidaten und CSU-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Die BayernLB, deren Kreditausschuss von CSU-Finanzminister Kurt Faltlhauser geleitet wird, ist mit mehr als zwei Milliarden Euro Kirchs größter Geldgeber. Staatskanzleichef Erwin Huber (CSU), der unlängst lautlos aus dem Verwaltungsrat der Landesbank ausschied, hatte die Formel 1-Finanzierung im Jahr 2000 über die BayernLB organisiert, nachdem die Hypo-Vereinsbank den Deal als zu riskant abgelehnt hatte.

Die Kirch-Gruppe will Unternehmenskreisen zufolge abwarten, bis Banken und potenzielle Investoren die Verhandlungen für gescheitert erklären und dann Insolvenzantrag stellen. In diesem Fall will das Amtsgericht München die Öffentlichkeit nach eigenen Angaben umgehend informieren.

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