Wirtschaft : KBA-Planeta: Der Planet der Drucker

Kerstin Kohlenberg

So eine Art Schatz im Silbersee wollte Albrecht Bolza-Schünemann heben, als er aus Würzburg nach Radebeul kam. In der kleinen Stadt bei Dresden, in der Karl May so lange vom Wilden Westen geträumt hatte, lag nämlich ein 750 000 Quadratmeter-Schätzchen. Und für das hatte Bolza-Schünemann seine Wohnung im Westen sofort geräumt und war mit Frau und Kindern in die Platte gezogen. Dass es leicht werden würde, hatte Karl May auch niemandem versprochen. Der Schatz roch nach Öl und vielen Tränen, denn eines war schon nach der ersten Besichtigung des ehemaligen Kombinats klar: von den 5600 Mitarbeitern mussten 4000 entlassen werden, aus sieben Standorten musste einer werden.

Das ist jetzt genau zehn Jahre her und Bolza-Schünemann steht in der Fertigungshallen des ehemaligen Planeta-Druckmaschinenwerkes. Es riecht noch immer nach Öl, es ist laut und warm. Neben den Werkbänken hängen Pin-up-Fotos und Betriebsratsmitteilungen, auf den Fensterbänken stehen Blumen. Es wird immer noch gearbeitet bei Planeta. Dabei sah es kurz nach der Wende mal so aus, als sei der ehemalige volkseigene Betrieb nicht zu retten. Aber es werden immer noch Druckmaschinen hergestellt, auf ihnen steht aber nicht mehr Planeta, sondern KBA-Planeta.

KBA, das ist das über 180 Jahre alte Würzburger Druckmaschinenunternehmen Koenig & Bauer AG, dessen stellvertretender Vorstandsvorsitzender der heute 48-jährige Bolza-Schünemann ist. Planeta, das war der bedeutenste Teil des VEB Polygraph Werner Lambertz, eines der erfolgreichsten Unternehmen der DDR. Denn 70 Prozent ihrer Druckmaschinen lieferten sie ins Ausland. Nebenher stellten sie jedoch noch tausend andere Dinge her, Zylinder und Stoßdämpfer für den Trabbi zum Beispiel, sogar einen eigenen Baubetrieb hatte Planeta. All diese überflüssigen Produkte schaffte Bolza-Schünemann ab, als er Planeta von der Treuhand übernahm. Denn trotz ihres hohen Umsatzes machte das Unternehmen nach der Wende große Verluste. Er wollte das Unternehmen ausschließlich auf die Herstellung von großen Verpackungsdruckmaschinen, die Spezialität von Planeta, konzentrieren. Maschinen, die das Würzburger Mutterhaus, das auf Druckmaschinen für Zeitungen und Devisen spezialisiert war, nicht hatte. Auf diese Weise hoffte Bolza-Schünemann auf die beiden Weltmarktführer Heidelberger Druck AG und MAN Roland aufzurücken. Das hat er geschafft. Mittlerweile ist KBA der drittgrößte Druckmaschinenhersteller der Welt. Und noch viel bemerkenswerter: 50 Prozent des gesamten Umsatzes der KBA erwirtschaftet das ehemalige Kombinat aus Radebeul.

1992 sah das noch ganz anders aus. Im Lager türmten sich unverkaufte Maschinen und Bolza-Schünemann hatte gerade 2000 Leute entlassen. Der Umsatz lag bei 226 Millionen Mark, der Verlust bei 166 Millionen, die Verschuldung hatte einen dreistelligen Millionenbetrag erreicht. Damals, sagt Bolza-Schünemann, habe er wirklich mal daran gezweifelt, dass das Projekt Planeta funktionieren würde. Aber die KBA hielt durch. Bolza-Schünemann entließ weitere 2000 Leute, schaffte es, die Lagerbestände abzubauen und rüstete die neuen Druckmaschinen mit Würzburger Wissen auf. Das machte die Anlagen vor allem schneller, immer mehr Karton- oder Papierseite konnten pro Stunde bedruckt werden. Auch die Arbeitsorganisation wurde umgestellt. Die wichtigsten Maschinenteile, also Antriebsräder, Seitenwände und Zylinder wurden nun in Teams hergestellt. Und natürlich die Software, die mittlerweile 20 Prozent der Maschinen ausmacht. Nur noch 50 Prozent der Teile werden selbst gefertigt. Der Rest wird dazugekauft. Die Teams erhalten Vorgaben, wieviel Teile sie im Monat produzieren sollen. Den Rest müssen sie selbst einteilen. Feste Arbeitszeiten, Lohn- oder Krankenzettel gibt es nicht mehr. Die Vorgaben orientieren sich an den geschätzten Aufträgen, die eingehen werden. "Es ist das ewiges Spiel, wie wird sich der Markt entwickeln," sagt Bolza-Schünemann. Aber auf diese Weise könnten sie schneller liefern, denn sie bauen die Druckmaschinen je nach Kundenwunsch, quasi im Baukastensystem, nur noch zusammen. Im Moment liegen die Lieferfristen bei sechs Monaten.

All diese Neuerungen führten dazu, dass Planeta 1997 tatsächlich Geld machte. 1600 Mitarbeiter machten einen Gewinn von 3,2 Millionen Mark. Geholfen hat dabei der enorme Anzeigenboom der vergangenen Jahre in den Printmedien. Im vergangenen Jahr hat Planeta 400 Druckmaschinen verkauft, deren Preis zwischen 300 000 und acht Millionen Mark lagen. Die Wachstumsraten der letzten Jahre von zehn bis elf Prozent werden sich in Zukunft zwar nicht wiederholen lassen, sagt Bolza-Schünemann. Die Konjunkturkrise habe Planeta jedoch noch nicht gemerkt, einen Umsatz von über einer Milliarde Mark im nächsten Jahr hält er daher für möglich. Der Schatz im Silbersee ist gehoben.

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