Wirtschaft : keen.com: Erfolg mit zweifelhaftem Rat

Suein Hwang

Keen Inc. ragt unter den überlebenden Dot.coms heraus. Das Internet-Unternehmen hat gewaltige Umsatzzuwächse, Blue-Chip-Unternehmen als Geldgeber und jede Menge Cash. Bis vor kurzem nannte es sich sogar das E-Commerce-Unternehmen mit den höchsten Wachstumsraten, die es je in den USA gab. Auf der Website " www.keen.com " sind tausende von Menschen gelistet, die gegen eine Gebühr Rat geben. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um eine breite Palette gängiger Themen.

Allerdings verschweigt Keen ein Geheimnis seines Erfolges: Kunden wie die Gerichtsangestellte Dawn Simpson aus Texas suchen auf der Website weder Rat zu Steuer-, Garten- oder Rechtsfragen. Sondern sie wollen ihre Zukunft erfahren. Die Amerikanerin wusste nicht mehr weiter, nachdem ihr Lebensgefährte sie verlassen und sie eine Fehlgeburt erlitten hatte. Damals telefonierte sie lange mit so genannten Psychics, also Menschen, die angeblich übersinnliche Kräfte haben. Sie sagten ihr immer wieder, dass ihr Freund zurückkehren würde. Doch das einzige, was bei Simpson eintraf, war eine Rechnung von insgesamt 3600 Dollar.

Keen ist eines der letzten erfolgreichen Internet-Start-ups. "Das ist eines der wenigen Unternehmen, das erfolgreich aus den Trümmern aufsteigen wird", sagt Andrea Rice von der Investmentbank Deutsche Banc Alex. Brown, die in das Unternehmen investiert hat. Zu weiteren Investoren gehören so namhafte Unternehmen wie Microsoft. Überdies hat Keen eine lobpreisende Presse und Fans an der Wall Street. Die Mitgliederzahlen seien allein von Mitte Februar bis heute von zwei Millionen auf 3,5 Millionen gewachsen, heißt es bei Keen. Zum Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. Doch es erwartet, ab kommendem Jahr schwarze Zahlen zu schreiben.

Das Start-up beschreibt seinen Unternehmenszweck auf der Website folgendermaßen: "Verbraucher suchen fundierten Rat und verlässliche Informationen und wollen mit jemandem sprechen, dem sie vertrauen können." Doch dürfte das Erfolgsrezept von Keen sehr viel simpler sein. 89 Prozent der Anrufe an Keen-Berater im Dezember und Januar seien an Psychics ergangen, und sechs Prozent an Kategorien, die mit Sex zu tun haben, ermittelte Com-Score Networks. Das Unternehmen untersucht das Verhalten von Verbrauchern im Netz.

Im vergangenen Jahr hat Keen das Unternehmen 800predict, eine Website für Psychics, übernommen. Den Kauf hat Keen jedoch nie bekannt gegeben. Weil die Übernahme zu unbedeutend sei, heißt es im Unternehmen. Der Keen-Vorstandsvorsitzende Karl Jacob bestreitet, dass Psychics oder Sex der Schwerpunkt des Geschäftes seien. Die Zahlen von Com-Score seien nicht korrekt. Keen sei auf Informationsdienste, Beratung und Finanzplanung fokussiert.

Die Geschichte von Keen begann im März 1999. Der junge Yale-Absolvent Scott Faber kam in einem Taxi in New York auf eine glänzende Idee, als er den Fahrer auf seinem Handy sprechen sah. Er könnte ein E-Bay für Human Capital schaffen, dachte er. Im August gelang es Faber, das Unternehmen Benchmark dafür zu gewinnen. Der Risikokapitalgeber hatte sich mit der Online-Auktionsplattform E-Bay bereits einen Namen gemacht. Der erste Schritt von Benchmark war, den Ideengeber Faber mit Karl Jacob zusammenzubringen. Jacob galt als Inbegriff eines Senkrechtstarters in Silicon Valley. Der frühere Microsoft-Manager war gerade auf der Suche nach einem neuen Projekt.

Bereits im November 1999 stand die Seite. Das Konzept: Die Website listet selbsternannte Experten als "Keen Speakers" auf - gewöhnlich unter Pseudonym. Die Gebühren pro Minute stehen daneben. Ratsuchende Kunden müssen sich erst bei Keen anmelden, bevor sie auf einen der "Speaker" klicken können und beide telefonisch verbunden werden. Ratgeber und -empfänger bleiben anonym. 30 Prozent der Gebühren gehen an Keen. Dabei können sich die Ratgeber selbst auflisten. "Wir wollten für alles und jeden offen sein", sagt Dustin Sellers, der Keen-Chef für Kundenakquisition.

Am Anfang zielte Keen auf junge Leute mit viel Web-Know-How ab. Jacob ließ seine Medienkontakte spielen, und berichtete in Interviews von den Ärzten und Software-Experten, die auf seinen Websites Rat gäben. Medien wie "Fortune", "Business Week" und "The Wall Street Journal" nannten Keen ein "cooles Unternehmen", einen "Up-and-comer" und "jemanden, den das man "nicht aus den Augen lassen sollte". Doch die Keen-Angestellten stellten fest, dass es schwierig war, Leute zu finden, die gewillt waren, Fremden für Reise-, Business- und Karrieretipps Geld zu zahlen. "Am raschesten nahmen es die Leute an, die Rat bei Astrologen und Psychics suchten." Irgendwann mussten auch die Mitarbeiter für Nachfrage sorgen. Das berichten frühere Angestellte. Jacob bestreitet die Vorwürfe.

Was Psychics betrifft, seien Geld, Karriere, Business sowie Gesundheit und Therapie die umsatzstärksten Bereiche. "Anrufe bedeuten aber nicht gleich Gewinn," sagt Jacob. Die Anrufe von Dawn Simpson brachten Keen allerdings durchaus Profit. Als sie im vergangenen Jahr von ihrem Freund verlassen wurde fing sie an, Psychics anzurufen. Sie zahlte dafür manchmal mehr als vier Dollar pro Minute. "Ich hatte meinen Verstand verloren", erinnert sie sich. "Es war wie eine Sucht." Ein Psychic habe sogar darauf bestanden, dass sie eine Stunde am Apparat bleiben sollte, während er eine Kerze für sie verbrannte. Das kostete sie 350 Dollar. Schließlich schickte ihr ein Psychic eine E-Mail und schlug ihr vor, nicht weiter ihr Geld zu verschwenden, sondern ihr Leben in die Hand zu nehmen. Dawn ist kein Einzelfall. "Ich erlebe so häufig Menschen, die ihren letzten Groschen ausgeben", sagt "bimmyi", ein Keen-Speaker.

Übersetzt und gekürzt von Kristina Greene (Sony), Karen Wientgen (Keen), Birte Heitmann (Bush) und Svenja Weidenfeld (Monti).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben