Wirtschaft : Kein Anleger sollte sich unter Zeitdruck setzen lassen

Die kriminelle Energie unseriöser Anlageberater ist ungebrochen.Der Graue Kapitalmarkt wird von immer neuen windigen Angeboten überschwemmt.Daß sie betrogen wurden, merken die Anleger meist erst, wenn ihr Geld verloren ist.Der Gesamtschaden wird auf bis zu 60 Mrd.DM jährlich geschätzt.Peter Bolm sprach mit dem Münchener Rechtsexperten Alexander Engelhard, der im Bereich des Kapitanlagerechts seit mehreren Jahren zivilrechtlich geschädigte Anleger vertritt.

TAGESSPIEGEL: Immer wieder fallen in Deutschland Anleger auf unseriöse Angebote herein.Welche Erklärung haben Sie für den Leichtsinn und die Gutgläubigkeit dieser Menschen?

ENGELHARD: Bei vielen Anlegern besteht ein Wissensdefizit.Sie informieren sich nicht ausreichend über die angebotenen Produkte und lassen sich von den angeblich zu erzielenden hohen Renditen und den Versprechungen der psychologisch geschulten Verkäufer blenden.

TAGESSPIEGEL: Bei welchen Angeboten sollte man besonders vorsichtig sein?

ENGELHARD: Unerfahrene Anleger sollten besondere Vorsicht bei Warentermingeschäften, beim Handel mit Billigaktien (penny stocks), beim sogenannten Bankgarantiehandel, beim Kauf von Diamanten sowie bei angeblich hoch rentierlichen Tradinggeschäften mit Grundschuldbriefen walten lassen.Schließlich muß auch vor sogenannten stillen Beteiligungen an Unternehmen gewarnt werden.Oft handelt es sich hierbei um Schneeballsysteme.Die Renditen werden über neugeworbene Kunden finanziert.

TAGESSPIEGEL: Welche Tips sollten die Anleger beachten?

ENGELHARD: Vorsicht bei astronomischen Renditen.Zum Vergleich: Bankbriefe oder Staatsanleihen bringen derzeit zwischen 3 und 6 Prozent Zinsen.Kein Anleger sollte sich unter Zeitdruck setzen lassen.Auch bei hohen Gebühren und Provisionen der Kapitalanlagefirma ist Vorsicht geboten.

TAGESSPIEGEL: An welche öffentlichen Institutionen können sich Geschädigte oder auch risikobewußte Anleger wenden?

ENGELHARD: Zuständig sind die Verbraucherschutzverbände, das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen in Berlin, das Bundesaufsichtsamt für Wertpapierhandel in Frankfurt (Main) sowie Staatsanwaltschaften und die Polizei.

TAGESSPIEGEL: Welche Aussichten haben betrogene Anleger, ihr Geld wiederzubekommen?

ENGELHARD: Die Aussichten sind nicht schlecht, wenn sich der Anleger schnell an einen spezialisierten Anwalt wendet.Der Anwalt prüft das dubiose Unternehmen, Prospekte, Kontenverlauf und beteiligte Personen.Meist besteht die Möglichkeit, neben der Anlagefirma weitere Personen wie Geschäftsführer und Vertriebsleiter persönlich haftbar zu machen.Die Gerichte urteilen zunehmend anlegerfreundlicher.

TAGESSPIEGEL: Moderne Medien wie das Internet erleichtern den Marktzugang.Wie können sich Anleger am besten schützen, die so einsteigen möchten?

ENGELHARD: Anleger sollten nur mit seriösen institutionellen Anbietern wie Banken über das Internet Geschäfte machen.Im Internet sind Spuren sehr schnell zu verwischen.

TAGESSPIEGEL: Inzwischen drängen immer mehr ausländische Direktanbieter auf den Markt.Worauf muß der Anleger bei derartigen Offerten achten?

ENGELHARD: Jeder Anleger sollte sich bewußt sein, daß unter Umständen keine Zuständigkeit der deutschen Gerichte gegeben ist und er seine Ansprüche im Ausland durchsetzen muß.Dies birgt die Gefahr, daß ein Prozeß im Ausland erheblich teurer ist als in Deutschland.

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