Wirtschaft : Kein Dampf im Kessel

Nur ein Prozent Wachstum trauen die Fachleute der deutschen Wirtschaft zu. Kommt es zum Krieg im Irak, müssen sie allerdings neu rechnen

Carsten Brönstrup

Das Wort hat einen hässlichen Klang, und niemand führt es gern im Mund. Trotzdem schleicht es sich derzeit in immer mehr Vorträge, Diskussionen, Studien und Zeitungsartikel – und entfaltet dort seine zerstörerische Wirkung: das R-Wort. Und je häufiger es fällt, desto wahrscheinlicher wird sie – die Rezession. „Dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr schrumpft, kann ich nicht ausschließen“, befand Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, erst vergangenen Donnerstag.

Nicht nur Sinn verteilte kurz vor dem Fest Geschenke, die den Deutschen keine Freude bereiten dürften. Fast alle Forschungsinstitute und Großbanken haben jüngst ihre Wachstumsaussichten für 2003 zurückgenommen. Nur noch um rund ein mageres Prozent werde die Summe der neuen Güter und Dienstleistungen hier zu Lande zunehmen, erklärten sie unisono. Einziger Abweichler: die Wirtschaftsorganisation OECD. Sie errechnete ein Plus von immerhin 1,5 Prozent – aber unter Vorbehalt, bemerkten die Forscher, denn es gebe „große Risiken“.

Die beträchtlichste Gefahr für Deutschland und die Weltwirtschaft braut sich derzeit am Persischen Golf zusammen. Sollten die Vereinigten Staaten und Großbritannien den Irak in den kommenden Wochen tatsächlich angreifen, dürften alle Konjunkturprognosen Makulatur sein. Wegen der Kriegsgefahr in Nahost ist der Ölpreis schon in den vergangenen Wochen auf mehr als 29 US-Dollar geklettert, den höchsten Stand seit zwei Jahren. Steigt der Preis für den Schmierstoff der Wirtschaft dauerhaft auf über 30 Dollar, werden zahllose Produkte von Kunststoff über Flugtickets bis zu Südfrüchten teurer – das dämpft den Welthandel. Zugleich fürchten Händler, dass die amerikanische Währung noch stärker unter Druck geraten könnte. Denn ein Krieg am Golf würde die USA am stärksten treffen und damit dem Euro Auftrieb verleihen. Derzeit notiert er schon bei 1,03 Dollar, dem höchsten Stand seit Anfang des Jahres 2000.

Fallen die USA als Wachstumslokomotive der Welt aus, könnte es auch für Deutschland schwierig werden. Denn nennenswerte Dynamik meldeten zuletzt neben den Exporteuren nur wenige Branchen. Die Binnennachfrage dagegen bleibt der Schwachpunkt – das hat auch das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel gezeigt. Ebenso wenig will die Investitionsnachfrage in Gang kommen.

All das musste das Land bereits 2002 verkraften. Eigentlich sollte im Sommer der Aufschwung kommen, hatten Ökonomen versprochen. Stattdessen gab es eine beispiellose Pleitewelle – auf 37 700 schätzt die Auskunftei Creditreform die Zahl der Firmen-Insolvenzen. Folge: Nur noch um 0,2 Prozent dürfte die Wirtschaft gewachsen sein – so gingen Staat und Sozialkassen Milliarden verloren, Jobs fielen weg. „Fast sechs Millionen Menschen sind offen oder verdeckt arbeitslos“, sagt Horst Siebert, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Im neuen Jahr wird diese Zahl weiter ansteigen.“ Die Schuld dafür suchen die Volkswirte bei der Regierung. Ihre hektischen Steuer- und Abgabenpläne haben zu Käuferstreik und Angstsparen geführt. „Allein die privaten Haushalte werden ab Januar mit zwölf Milliarden Euro belastet“, warnt Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der West LB in Düsseldorf.

Notorische Optimisten machen gleichwohl trotz aller Probleme Zeichen der Hoffnung aus. Die Inflation in der Euro-Zone sinkt vermutlich auf unter zwei Prozent und eröffnet der Europäischen Zentralbank Spielraum für weitere Leitzins-Senkungen. Die Hartz-Reform und die neueste Reform-Agenda aus dem Kanzleramt, in der von radikalen Reformen die Rede ist, könnten den Arbeitsmarkt beflügeln. Und selbst ein Irak-Krieg muss für die Konjunktur keine allzu bösen Folgen haben, findet die Deutsche Bank. Der Grund: „Abnehmende Unsicherheit“ im Falle eines schnellen Sieges der USA, so eine Studie des Instituts. Für Aktien, Verbrauchervertrauen und Konsum würden bessere Zeiten anbrechen, so das Kalkül – und das R-Wort hätte keine Chance mehr.

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