Wirtschaft : Kein Durchblick bei den Heizkosten

Der Energiepass für Gebäude müsste laut EU längst Pflicht sein. Doch es gibt Verzögerungen – weil sich Bayern querstellt

Anselm Waldermann

Berlin - Wer eine Wohnung mieten möchte, muss auf viele Dinge achten: die Lage, die Verkehrsanbindung, die Nachbarn und nicht zuletzt die Höhe der Miete. Nur eines kann man vor Abschluss des Mietvertrages nicht erfahren: wie hoch die Heizkosten sein werden. Dabei machen diese einen beträchtlichen Teil der Gesamtkosten einer Wohnung aus – vor allem in Zeiten steigender Öl- und Gaspreise.

Abhilfe soll da der Gebäudeenergiepass schaffen. Einen solchen Ausweis müssen Immobilienbesitzer vorweisen, wenn sie vermieten oder verkaufen möchten. Interessenten können dann anhand des Dokuments ihren künftigen Energiebedarf errechnen – je nachdem, wie gut das Gebäude isoliert ist.

Laut EU-Richtlinie hätte Deutschland den Energiepass schon zum 1. Januar dieses Jahres einführen müssen. Doch bis heute ist das nicht geschehen. Zwar gibt es Energiepässe auf freiwilliger Basis; zu einer Pflicht, wie von der EU vorgesehen, hat sich die Regierung aber nicht durchgerungen. „Es wird wohl noch bis zum 1. Januar 2007 dauern“, heißt es in regierungsnahen Kreisen.

Das Problem ist die Art und Weise, wie der Ausweis ausgestellt werden soll. Zwei Modelle konkurrieren miteinander: Beim bedarfsorientierten Energiepass wird das Haus von einem Fachmann untersucht und anschließend der Energiebedarf errechnet. Der Vorteil dieser Variante ist, dass sie einen objektiven Bericht über den energetischen Gebäudezustand sowie Modernisierungsvorschläge ermöglicht. Der Nachteil sind die Kosten: Rund 300 Euro müssen Hausbesitzer für einen bedarfsorientierten Ausweis ausgeben.

Die Alternative wäre der verbrauchsorientierte Energiepass. Dabei werden lediglich die Heizkostenabrechnungen der vergangenen Jahre analysiert und daraus ein Durchschnittswert gebildet. Der Vorteil: Ein solcher Pass lässt sich für deutlich weniger Geld erstellen. Der Nachteil: Es gibt kein objektives Ergebnis. Je nach Verhalten des Vormieters kann der Energieverbrauch als hoch oder als niedrig eingestuft werden – schließlich heizt eine vierköpfige Familie anders als ein Rentnerehepaar. Schlussfolgerungen für eine energetische Sanierung lassen sich aus diesem Pass nicht ziehen.

Immerhin hat sich die Bundesregierung mittlerweile auf einen Kompromiss verständigt. Ausgehandelt haben ihn das Bau- und das Umweltministerium. Demnach soll für Gebäude mit bis zu fünf Wohneinheiten der bedarfsorientierte Ausweis Pflicht werden. Ab sechs Wohneinheiten soll es eine Wahlfreiheit zwischen den beiden Modellen geben.

Doch nun wollen auch die Länder mitreden. Vor allem Bayern versucht, den Kompromiss zu blockieren. In einem Brief an Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) fordert der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) eine „unbürokratische Umsetzung der EU-Richtlinie“. Er sei deshalb für eine „uneingeschränkte Wahlmöglichkeit“, heißt es in dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Mit anderen Worten: Im Bundesrat will Bayern mit Nein stimmen.

Für die Besitzer der 17 Millionen Wohngebäude in Deutschland bedeutet das ein noch längeres Warten. Die Kanzlerin, heißt es im Umfeld der Regierung, sei darüber „not amused“. Bis zum nächsten Energiegipfel am 9. Oktober wolle sie das Thema „endlich bereinigt haben.“

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