Kein Feierabend : Die Arbeit nach der Arbeit

Immer mehr Berufstätige sind auch nach Feierabend erreichbar, weil sie Job und Privates nicht trennen. Je höher die Position, desto größer wird der Druck, ständig erreichbar zu sein.

Birte Honsa

Berlin Elektronische Mails lesen, über Festnetz und Handy mit Kunden, Kollegen oder dem Vorgesetzten telefonieren – Arbeitsalltag von neun bis fünf. Doch auch nach Dienstschluss geht es mit dem Dienst für viele Beschäftigte weiter: 73 Prozent aller berufstätigen Internetnutzer sind auch nach Verlassen ihrer Arbeitsstätte erreichbar. Das geht aus einer repräsentativen Studie hervor, die der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) am Dienstag veröffentlicht hat. Ein Drittel der Befragten ist an Wochentagen außerhalb der regulären Arbeitszeiten erreichbar, vier Prozent auch am Wochenende. Weitere 36 Prozent gaben an, sogar jederzeit für berufliche Belange ansprechbar zu sein. Den Grund dafür sieht der Verband in der steigenden Verbreitung digitaler Kommunikationsmittel.

„Gerade für die jüngere Generation gehört das Abrufen von Mails, das Chatten oder das Telefonieren mit dem Handy zum ganz normalen Kommunikationsverhalten“, sagt Maurice Shahd vom Bitkom. Die Erreichbarkeit nach Dienstschluss bedeute daher nicht zwangsläufig zusätzlichen Stress.

Doch gerade die Generation, die mit den modernen Techniken aufgewachsen ist, schaltet laut Studie das Handy nach Feierabend häufiger aus. Nur 53 Prozent der unter 29-Jährigen ist für die Firma am Abend oder am Wochenende zu sprechen, 75 Prozent der Auszubildenen sind in der Freizeit für den Arbeitgeber nicht erreichbar. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es dagegen 83 Prozent. „Ältere Arbeitnehmer haben meist mehr Verantwortung im Job, die sie nach Feierabend nicht einfach abgeben können“, erklärt Shahd das Umfrageergebnis.

Auch geschlechtsspezifische Unterschiede hat die Studie, für die die Aris Umfrageforschung insgesamt 1000 Personen ab 14 Jahren in Privathaushalten befragt hat, festgestellt. Während 77 Prozent der Männer außerhalb der normalen Arbeitszeiten per Handy oder E-Mail erreichbar sind, sind es bei den Frauen 68 Prozent.

Detlev Liepmann, Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Freien Universität Berlin, sieht in der permanenten Erreichbarkeit eine Neudefinition des Arbeitsbegriffs, den acht-Stunden-Tag gebe es nicht mehr. Zwei Gründe macht der Wissenschaftler für die 24-Stunden-Bereitschaft aus. „Tatsächlich ist die Erreichbarkeit nach Dienstschluss häufig notwendig. Sie unterstreicht aber auch meine Wichtigkeit und erhöht damit mein Selbstwertgefühl“, erläutert Liepmann. Eine positive Entwicklung ist das für den Psychologen allerdings nicht. „Jeder, der in diese Situation kommt, wird Ihnen gegenüber nie sagen, dass die ständige Erreichbarkeit für ihn stressig ist“, ist Liepmann sicher. Stressig würde es vor allem dann werden, wenn der Akku des Handys plötzlich leer oder kein Netz vorhanden sei.

Aber noch eine Aufweichung der Trennlinie zwischen Arbeits- und Privatleben hat die Studie ausgemacht: Wer Berufliches mit nach Hause nimmt, nimmt auch Privates mit zur Arbeit. Jeder zweite Berufstätige mit Internetzugang nutzt das Web bei der Arbeit auch für private Zwecke. „Hier muss es klare Richtlinien geben, was erlaubt ist und was nicht“, warnt Maurice Shahd von der Bitkom. Aber auch für die außerdienstliche Erreichbarkeit sollten Regelungen getroffen werden. Arbeitnehmer sollten sich mit ihren Vorgesetzten an einen Tisch setzen und über die jeweilige Erwartungshaltung sprechen. Denn nur so kann unnötiger Stress vermieden werden – in Beruf oder Freizeit. 

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