Wirtschaft : Kein Kinderspiel

Wer ein Kind großziehen will, muss viel investieren – mehr als 450 000 Euro. Der Staat beteiligt sich an den Kosten

Heike Jahberg[Sonja Praxl],Anselm Waldermann

Wenn heute Berlins Erstklässler eingeschult werden, haben die Eltern in ihre Sechsjährigen bereits viel investiert: viel Zeit, viel Zuneigung – und viel Geld. Stolze 30 672 Euro kostet ein Kind bis zu seinem sechsten Lebensjahr. Dabei gilt: Je älter der Nachwuchs wird, desto tiefer müssen die Eltern in die Tasche greifen. Das Statistische Bundesamt hat ausgerechnet, dass Kinder unter sechs Jahren 426 Euro im Monat kosten, bei Sechs- bis Zwölfjährigen sind es schon 500 Euro, und für Zwölf- bis 18-Jährige muss man monatlich 625 Euro ausgeben. „Zahnspange, Klassenfahrten, Musikunterricht: Je älter die Kinder sind, desto teurer werden sie“, weiß auch Marion von zur Gathen vom Verband allein erziehender Mütter und Väter (VAMV).

Rechnet man die monatlichen Kosten eines Kindes bis zu seinem 18. Geburtstag zusammen, sind das rund 112 000 Euro. Andere Studien kommen auf deutlich höhere Summen. So rechnet der Deutsche Kinderschutzbund mit 155000 Euro je Kind, die Securitas-Versicherung geht sogar von 191000 Euro aus. Dabei ist noch nicht eingerechnet, dass die Lebenshaltungskosten im Lauf der Zeit steigen. Und: Berücksichtigt man auch noch, dass viele Eltern statt arbeiten zu gehen zu Hause bei den Kindern bleiben, kommt man sogar auf Gesamtkosten von 455 000 Euro, sagt der Kinderschutzbund. Egal, wie man es dreht und wendet, eines ist klar: „Ein Kind kostet sicherlich so viel wie ein Einfamilienhaus“, sagt von zur Gathen.

Eltern gehen vor Gericht

Keine Frage: Diese finanzielle Last können Eltern nicht allein stemmen. Deshalb greift ihnen der Staat unter die Arme. Das hat viele Gründe. Ohne Nachwuchs würden die Sozialversicherungssysteme zusammenbrechen. Zudem gibt es zahlreiche Gerichtsurteile, die den Staat zur Finanzhilfe verpflichten. So fällte das Bundesverfassungsgericht wichtige Grundsatzentscheidungen zu der Frage, wie hoch das Existenzminimum für Kinder sein muss. Und ein Ende der Auseinandersetzungen ist nicht in Sicht: Allein beim Bundesfinanzhof sind derzeit mehr als 100 Verfahren zur Familienbesteuerung anhängig.

Dabei ist der Staat im Umgang mit den Familien nicht knausrig. Auf über 50 Milliarden Euro belaufen sich die staatlichen Transfers im Jahr. Bereits dreimal erhöhte die rot-grüne Regierung das Kindergeld. Gutverdiener können statt des Kindergeldes steuerliche Freibeträge nutzen – unter anderem den seit Januar vergangenen Jahres geltenden neuen Freibetrag für Betreuung, Erziehung oder Ausbildung. Auch Kosten für Kita oder Hort kann man seit dem vergangenen Jahr von der Steuer absetzen. Und in der Rentenversicherung bekommt man für die Kindererziehung drei Jahre angerechnet – mit 100 Prozent des Durchschnittseinkommens. Die wichtigsten Hilfen für Familien:

Kindergeld: Es beträgt derzeit 154 Euro monatlich pro Kind, ab dem vierten Kind sind es 179 Euro.

Kinderfreibetrag: Statt des Kindergeldes können Eltern auch den Kinderfreibetrag von 3648 Euro und den Freibetrag für Betreuung und Erziehung von 2160 Euro nutzen.

Grundfreibetrag: Wie jedem Erwachsenen steht auch jedem Kind ein steuerlicher Grundfreibetrag in Höhe von 7253 Euro und der Sparerfreibetrag für Kapitaleinkünfte in Höhe von 1601 Euro zur Verfügung. Wer Vermögen auf seine Kinder überträgt, kann dadurch ihre Freibeträge mit ausschöpfen. Aber Vorsicht, das übertragene Vermögen gehört dann den Kindern!

Haushaltsfreibetrag: Für Alleinerziehende gibt es noch bis Ende 2004 den Haushaltsfreibetrag in Höhe von 1188 Euro, der ab 2005 entfällt. Stattdessen plant die Regierung die Einführung eines neuen Freibetrages in Höhe von 1300 Euro – allerdings nur noch für echte Alleinerziehende.

Kinderbetreuung: Nachgewiesene Betreuungskosten können erst ab einem Aufwand von 1548 Euro steuerlich geltend gemacht werden. Insgesamt können maximal 1500 Euro abgesetzt werden.

Bauen: Die Eigenheimzulage beinhaltet das so genannte Baukindergeld: Pro Kind erhalten Familien zusätzlich 767 Euro Förderung. Im Gespräch ist, die Eigenheimzulage ab dem kommenden Jahr nur noch Bauherren mit Kindern zu gewähren.

Erziehungsgeld: Bis zum zweiten Lebensjahr des Kindes zahlt der Staat Erziehungsgeld in Höhe von bis zu 307 Euro monatlich. Allerdings sollen die Einkommensgrenzen gesenkt werden (siehe Interview).

„Rot-Grün lässt die Familien im Regen stehen“, kritisiert die CDU-Familienexpertin Katherina Reiche. Im Wahlkampf habe die Regierung die Familien noch umworben, und jetzt werde die Einkommensgrenze beim Erziehungsgeld gesenkt. Einige Eltern in Deutschland „müssen sich sehr wohl fragen, ob sie sich zum Beispiel ein zweites Kind noch leisten können“, sagt die bildungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Aber von eben diesem zweiten Kind hänge es ab, ob die demografische Zeitbombe entschärft werden könne. Dabei sei Ministerin Schmidt „eine schlechte Anwältin für die Familien“, wenn es ihr nicht gelänge, sich im Kabinett durchzusetzen.

Doch Geld ist nicht alles, meint die Ministerin: „Dem Aufwand für Kinder steht nur noch der emotionale Nutzen gegenüber“, meint Renate Schmidt. Und der ist nun mal nicht in Geld aufzuwiegen.

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