Wirtschaft : Kein Schutz vor Terror

Bisher können sich Airlines gegen Anschläge versichern – doch der Assekuranz wird das Geschäft zu heiß

Charles Fleming

Noch sind Europas Fluggesellschaften gegen die Gefahr von Terroranschlägen aller Art abgesichert. Doch alles deutet darauf hin, dass die Versicherer den Airlines in der nächsten Vertragsrunde diesen Schutz versagen werden.

In diesen Tagen beginnen die Verhandlungen über die neuen Versicherungspolicen zwischen der Versicherungswirtschaft und den Fluggesellschaften. Nach Auskunft von Versicherungsmaklern und Vertretern der Airlines wollen einige Versicherer die Flugzeuge im neuen Jahr nicht mehr gegen Terroranschläge mit Massenvernichtungsmitteln versichern. Darunter fallen biologische und chemische Waffen, elektromagnetische Vorrichtungen sowie eine so genannte schmutzige Bombe – ein mit radioaktivem Material verseuchter Sprengsatz. Von den Ausschlüssen betroffen wären sowohl Schäden an den Flugzeugen selbst als auch mögliche Forderungen von Passagieren und geschädigten Eigentümern am Boden.

Bislang haben die Londoner Versicherungen, die den Markt der Luftverkehrsversicherung dominieren, all diese Risiken abgedeckt. Die Änderung der Versicherungsbedingungen könnte die Airlines vor Forderungen von mehreren Hundert Millionen Dollar stellen, sollte einer ihrer Jets einem Terroranschlag mit den ausgeschlossenen Waffen zum Opfer fallen. „Schon jetzt fliegen einige Airlines mit unzureichendem Kasko-Versicherungsschutz – und weitere werden bald folgen“, sagt Wolf Müller-Rostin, Anwalt für die Delvag Luftfahrtversicherungs AG, die Versicherungssparte der Lufthansa. Lufthansas eigene Versicherungsbedingungen wollte Müller-Rostin nicht kommentieren.

Anders als in den USA, wo die Regierung den Fluggesellschaften bei Terrorattacken im Notfall zur Seite stehen will, sind die europäischen Airlines auf den Schutz von Versicherungsunternehmen angewiesen – vor allem auf den Londoner Markt der Lloyd’s-Versicherungen. Für die weltweiten Luftfahrtversicherungen kassieren die Versicherer jährliche Beiträge von 2,5 Milliarden Dollar. Rund 60 Prozent der Verträge werden im Londoner Markt abgeschlossen. Und für zwei Drittel dieser Versicherungen steht zum Ende eines jeden Jahres eine Vertragserneuerung an, bei der sich die Versicherungsbedingungen ändern können.

Ein Großteil der Londoner Versicherer hat bereits begonnen, Terroranschläge mit Massenvernichtungswaffen in den Kasko-Policen der Airlines auszuschließen, berichten Versicherungsmakler. Letzten Monat wurde bekannt, dass die Ausschlüsse ab dem kommenden Jahr noch weiter reichen sollen: dann wollen die Versicherer auch keine Haftpflicht-Risiken für derartige Anschläge mehr übernehmen. Die Fluggesellschaften wurden über die Änderungen durch die Aviation Insurance Clause Group informiert – einem Londoner Gremium, das die Airlines über geplante Neuerungen in den Policen im Voraus unterrichten muss.

Die Risiken anderer Terroranschläge werden die Versicherer auch weiterhin übernehmen. Bei Anschlägen etwa nach Art des 11. September 2001, bei denen keine Massenvernichtungsmittel eingesetzt werden, bestünde damit nach wie vor Versicherungsschutz.

„Keiner wird die Versicherer von Bedingungen überzeugen können, die sie ruinieren werden“, sagt Ken Coombes, Geschäftsführer der Luftfahrtsparte beim Londoner Versicherungsbroker Marsh & McLennan. „Eine schmutzige Bombe, die in einem Flugzeug auf einem der großen Flughäfen wie Heathrow explodiert, würde den Versicherer ausradieren.“ Die Beschneidung des Versicherungsschutzes für Terroranschläge könnte die Fluggesellschaften vor ernsthafte Probleme stellen. Sollten sich die Regierungen nicht über eine Grundabsicherung nach Vorbild der US-Regierung verständigen können, müssten Europas Airlines ihre Flotten am Boden halten.

Denn schließlich darf ein kommerzielles Flugzeug nach den Regeln der Europäischen Union nur starten, wenn es vollständig gegen Haftpflichtschäden versichert ist. Außer Irland hat sich aber bislang keine europäische Regierung bereit erklärt, die drohende Versicherungslücke zu füllen.

Tatsächlich würde das Auftreten der Regierungen als Not-Versicherer der Airlines auch gegen das EU-Verbot staatlicher Beihilfen verstoßen. Laut Ludolf von Hasselt, Chef der Abteilung Luftverkehrspolitik bei der EU-Kommission, wäre das Einspringen der Regierungen daher nur als Übergangslösung denkbar.

Die Airlines halten sich noch bedeckt. Bei British Airways werden Einzelheiten der Versicherungsverträge nicht preisgegeben. „Wir prüfen gerade unsere Optionen. Das geht nur die Industrie etwas an“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Die Air-France-Sprecherin Brigitte Barrand sagt, ihre Gesellschaft „wurde noch nicht über den Ausschluss derzeit gedeckter Risiken informiert“. Hans Ollongren, Sprecher der Skandinavischen Fluggesellschaft SAS sagt, die Airline geht davon aus, im neuen Jahr ohne volle Kaskoversicherung zu fliegen. Die Regierungen von Norwegen, Schweden und Dänemark seien bereits darüber informiert, dass die Lage für SAS noch schwieriger werde, wenn auch der Haftpflichtschutz der Versicherung reduziert würde. „SAS und andere schwedische Fluglinien haben bei uns angefragt, ob wir mit Garantien einspringen könnten. Doch die schwedische Regierung hat noch nie etwas von solchen staatlichen Hilfen gehalten“, sagt Lars Osterberg, Chef für Transportpolitik beim schwedischen Ministerium für Industrie, Arbeit und Kommunikation.

„Unser größtes Problem ist derzeit der Ausschluss von Kriegsgefahren und Massenvernichtungswaffen in den Versicherungsklauseln“, bestätigt auch Carole Gates, Leiterin für Risikomanagement und Versicherung bei der Internationalen Luftverkehrsvereinigung Iata: „Die Airlines stehen im Falle eines Desasters vor dem finanziellen Ruin, wenn ihre Kaskoversicherung Anschläge mit Massenvernichtungsmitteln ausschließt.“

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