Wirtschaft : Kein Traum wächst mehr in den Himmel

Der Immobilienboom in Dubai könnte schon wieder vorbei sein – den Investoren geht das Geld aus

Michael Backfisch[Dubai]

Es ist nur wenige Wochen her, da feierte Dubai die Party des Jahrhunderts. Bei der Eröffnung des Nobel-Hotels „Atlantis“ im November floss der Dom Perignon in Strömen. Das Feuerwerk stellte sogar den Festraketenzauber während der Olympischen Spiele in Peking in den Schatten. Und Megastars wie Robert de Niro, Charlize Theron oder Kylie Minogue machten das 20 Million Dollar teure Spektakel zu einer wahren Glamour-Parade.

Das ist der Stoff, aus dem Dubai seine Legenden strickt: Glanz, Luxus und eine Kaskade von Superlativen. Noch bis zum Sommer schien es, als ob der Himmel die Grenze sei. Die Entwicklungsgesellschaft Nakheel arbeitete fieberhaft an ihren künstlichen Palmeninseln im Meer und kündigte den Bau eines mehr als 1000 Meter hohen Turms an. Bald sollte der größte Flughafen der Welt zur Drehscheibe zwischen den Kontinenten werden – mit 120 Millionen Passagieren pro Jahr. Zum Vergleich: Auf Europas größtem Airport London Heathrow wurden im vergangenen Jahr knapp 68 Millionen Passagiere abgefertigt.

Kein Wunder, dass Immobilieninvestoren aus aller Herren Länder in die Glitzermetropole am Persischen Golf pilgerten. Seit 2003 haben sich die Preise vervierfacht. Im Windschatten des Booms etablierte sich die Stadt zum Mekka der Vermögensverwalter. Ölstaaten vertrauten renommierten Geldhäusern ihre Milliardenschätze an, Anleger zwischen Russland und Pakistan transferierten ihre Cash-Reserven in den sicheren Hafen am Golf.

Doch mit der globalen Finanzkrise platzte der Traum von den Rekordrenditen. Zwischen April und September wurden 50 Milliarden Dollar an ausländischem Kapital aus den Vereinigten Arabischen Emiraten abgezogen. Viele Großinvestoren flüchteten in den Dollar, um ihre an den Börsen von New York oder London erlittenen Verluste auszugleichen. Die lokalen Banken saßen plötzlich auf dem Trockenen, der internationale Kreditmarkt war leergefegt. Und die Grundstücksspekulanten, die Objekte vom Plan weg ergatterten und Wochen später gegen satte Gewinne weiterverkauften, standen auf einmal ohne Mittel da. Im Oktober knickten die Preise für Häuser und Wohnungen in Dubai erstmals seit Jahren ein.

Damit ging den Baufirmen der Saft aus. Die Konstruktion von angefangenen Gebäuden wurde zeitlich in die Länge gezogen. Andere Vorhaben, wie der futuristische Trump Tower auf der Jumeirah-Palmeninsel, wurden auf Eis gelegt. Selbst das noch in den Kinderschuhen steckende Vorzeigeprojekt der Tourismusindustrie, Dubailand, wird gegengerechnet. Die aus 45 Themenparks bestehende, 60 Milliarden Dollar teure Anlage sollte dazu beitragen, bis 2015 rund 15 Millionen Besucher pro Jahr nach Dubai zu locken – doppelt so viele wie in diesem Jahr.

Der Liquiditätsengpass bei den Banken macht nicht nur der Immobilienindustrie, sondern auch der Regierung von Dubai zu schaffen. Das Emirat, das über keine nennenswerten Rohstoffe verfügt, hatte in der Zeit des billigen Geldes viele Viertel auf Pump hochgezogen. Durch die Kapitalknappheit sind die Zinsen nach oben geschossen, die Refinanzierung fälliger Darlehen wird extrem teuer. Investmentbanker am Golf munkeln daher, dass das ölreiche Nachbaremirat Abu Dhabi den Vettern mit einer dicken Kapitalinjektion aus der Klemme hilft. Der Preis besteht angeblich darin, dass sich Dubai von einem Teil seiner Filetstücke wie Emirates Airlines oder dem Jebel-Ali-Hafen trennen muss.

Derzeit fahren viele Unternehmen ihren Personalbestand herunter, um die Kosten einzudämmen. So kappten die Baukonzerne Nakheel und Damac 500 beziehungsweise 200 Jobs. Bis Januar könnten in der Branche noch einmal 2000 Stellen gestrichen werden, heißt es. Auch die Banken reagieren auf die schrumpfende Nachfrage. Morgan Stanley senkte die Zahl seiner Mitarbeiter um 15 Prozent, Goldman Sachs um zehn Prozent.

Die Regierung will von einer Krise dennoch nichts wissen. „Wir sind jahrelang um die 14 Prozent gewachsen, eine Rate von sechs bis acht Prozent verschafft uns 2009 eine Atempause“, beschwichtigt Mohammed Alabbar, Chef eines einflussreichen Beratergremiums. Die große Party ist erst einmal vorbei, aber Dubai glaubt noch immer an sich selbst.HB

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