Wirtschaft : Kein Wunder in Berlin

Der Produzent Senator hat sich trotz deutscher Kassenschlager am internationalen Filmgeschäft verhoben

Henrik Mortsiefer

Hanno Huth schweigt. Der Ex-Chef der Berliner Filmfirma Senator Entertainment ist seit Dezember 2003 abgetaucht. Kurz vor Weihnachten gab Huth bekannt, er werde sich aus dem Vorstand des seit 1999 börsennotierten Unternehmens zurückziehen und sich wieder auf das Filmemachen konzentrieren. Seinem Nachfolger und früheren Assistenten Christopher Borgmann hinterlasse er ein gut bestelltes Haus. Senator, so Huth damals, sei „intakt aus der Krise herausgekommen“.

Gut drei Monate später entpuppt sich der Huthsche Abschiedsgruß als filmreifes Täuschungsmanöver: Am Donnerstag musste Borgmann beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen. Senator ist pleite. Die Hoffnung von Unternehmenssprecher Karl Homburg, Senator könne vielleicht „vor Ostern noch ein goldenes Ei legen“, wurde enttäuscht. Die Verhandlungen mit potenziellen Investoren blieben ohne Ergebnis. Krisenmanager haben jetzt das Sagen in den neuen Büroräumen in der Rankestraße. Vorläufiger Insolvenzverwalter wird der Rechtsanwalt Rolf Rattunde aus der Berliner Sozietät Leonhardt&Partner. Beraten lässt sich Senator von der Kölner Firma Ziems & Partner. Mitinhaber Hans-Joachim Ziems hat einschlägige Erfahrungen: Er wickelte schon den Zusammenbruch der Kirch-Gruppe ab.

Kaufrausch und Werbekrise

Verglichen mit dem Erdbeben, das der Kollaps des Kirch-Konzerns auslöste, erschüttert die Senator-Insolvenz die Produzentenlandschaft kaum. Dennoch ist der Berliner Fall symptomatisch für die Fehler vieler Filmfirmen. Kinowelt, Helkon, TV Loonland, RTV – sie alle ließen sich vom schnellen Wachstum der New Economy verführen und trugen später schwer an den teuren Filmen, Lizenzen und Beteiligungen, die sie im Kaufrausch aufgehäuft hatten. Hinzu kam die Medienrezession, die die Margen beim Verleih und der Produktion von Filmen schrumpfen ließ. Die TV-Sender, die an jedem zweiten Spielfilm als Co-Produzenten beteiligt sind, haben ihre Investitionen gekürzt. Seit Beginn der Werbekrise sanken die Programmetats um 20 Prozent. Gekürzt wurde auch bei der Filmförderung, die 2003 ein Volumen von 228 Millionen Euro erreichte.

Die Folgen sind dramatisch. Die Bayerische Landesbank, größter Gläubiger von Senator und 1999 Konsortialführer beim Börsengang, schätzt den Verlust, der bei den Berlinern 2003 anfiel, auf 52 Millionen Euro – bei einem Umsatz von 56 Millionen Euro. Wertberichtigungen haben das Grundkapital von gut 34 Millionen Euro aufgezehrt, ein Schuldenberg von 190 Millionen Euro erdrückt den einst am Neuen Markt gefeierten Mittelständler. 130 Mitarbeiter bangen um ihren Job, die Aktionäre verlieren den Glauben daran, dass sich die Aktie jemals wieder erholen wird. „Es muss richtig aufgeräumt werden“, rät ein Medienanalyst, der sich nicht mit Namen zitieren lässt, weil seine Bank zum Gläubigerkreis zählt. Rechnungswesen und Controlling bei Senator seien stark renovierungsbedürftig. Bei den Abschreibungsmethoden sei man schon „früh hellhörig geworden und extrem skeptisch“ gewesen, ob Senator mit seinen großzügigen Wertansätzen überleben könne. Derzeit bewerten Wirtschaftsprüfer den 400 Titel umfassenden Filmkatalog neu. In der Bilanz zum Halbjahr 2003 stehen die Rechte und Lizenzen noch mit 141 Millionen Euro in den Büchern. „Die sind aber maximal noch 60 Millionen Euro wert“, sagt ein ehemaliger Senator-Manager. Ein Großteil sei zudem an die Banken verpfändet oder an Fernsehsender vergeben – also nicht verwertbar. „Statt stiller Reserven hat Senator stille Lasten aufgebaut“, glaubt der Banken-Analyst. Huths Diktum vom gut bestellten Haus sei deshalb „eine Dreistigkeit sondergleichen“ gewesen.

Teure Deals mit US-Produzenten

Warum aber rutscht ein Filmproduzent und -verleiher in die Pleite, der im vergangenen Jahr mit Kassenschlagern wie „Das Wunder von Bern“ Millionen Zuschauer ins Kino lockte? „Die Filme sind gut, aber sie bringen nicht das große Geld“, sagt Eberhard Kayser, Geschäftsführer des Filmfonds Cinerenta, der sich als größten ausländischen Produzenten in Hollywood bezeichnet. „Deutsche Filme lassen sich international nicht vermarkten.“

Im Fall der Komödie „Good bye, Lenin“ trifft das nur bedingt zu: Die Rechte wurden in rund 70 Länder verkauft. „Senator ist nicht an deutschen Filmen Pleite gegangen“, sagt ein Insider. „Hanno Huth hat im Boom absurd hohe Summen für Co-Produktionen und Lizenzen bezahlt und Deals mit US-Produzenten abgeschlossen, die man nur als krasse unternehmerische Fehlentscheidungen bezeichnen kann.“ Der Erfolg von „Good bye, Lenin“ reichte am Ende nicht aus. Zu wenig blieb auf dem Heimatmarkt hängen, auf dem im vergangenen Jahr 15 Millionen Kinokarten weniger als 2002 verkauft wurden.

Hollywood hat es besser: Hier spielen Produzenten ihre Kosten häufig schon zu Hause wieder ein. Die internationale Auswertung und das DVD- und Video-Geschäft werden als Zusatzumsatz verbucht. Cinerenta-Chef Kayser rechnet vor, wie lukrativ das sein kann: Der mit deutschen Fondsgeldern in den USA produzierte Streifen „Confidence“ mit Dustin Hoffman kostete elf Millionen Dollar. An den US-Kinokassen wurden laut Kayser schon 14 Millionen Dollar eingespielt, der DVD-Verkauf brachte mehr als das Vierfache ein: 60 Millionen Dollar. Ein gutes Geschäft.

Doch auch die Filmfonds stecken in der Krise. Der vom Finanzminister Anfang 2004 ergangene Medienerlass schränkt ihre Steuersparmodelle stark ein. Eifrig bastelt die Branche jetzt an neuen Konstruktionen. Cinerenta hat seit 1997 insgesamt 42 Filme in den USA hergestellt. 425 Millionen Euro wurden bei Anlegern eingesammelt. Ob das Geld weiter sprudelt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie groß der Imageschaden ist, den Pleitiers wie Senator in der Branche anrichten.

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