Wirtschaft : Keine Angst vor Alan Greenspan (Meinung)

Henrik Mortsiefer

Jetzt lesen sie wieder im Kaffeesatz: Die Börsianer rätseln, ob die amerikanische Notenbank in der kommenden Woche die Zinsen erhöht. Es wäre der dritte Zinsschritt der Fed in diesem Jahr. Anders als bei der letzten Zinserhöhung im August ist die Finanzwelt diesmal unentschlossen, wohin die geldpolitische Reise gehen soll. Im Lager der Gegner eines Zinsschrittes verweist man auf die jüngsten Konjunkturdaten. Sowohl die Produktivität als auch die Lohnstückkosten haben sich zuletzt deutlich positiver entwickelt als zu erwarten war. Vieles spricht heute dafür, dass die US-Wirtschaft bis auf weiteres kräftig wachsen wird, ohne dass es gleichzeitig zu Inflation kommt. Kein Grund also, jetzt die Zinsen zu erhöhen? Die Argumente der Skeptiker wiegen schwerer. Zurecht geben sie zu bedenken, Alan Greenspan solle lieber jetzt das Geld verknappen, wenn er später seine Glaubwürdigkeit an den Märkten nicht verspielen wolle. Argumentationshilfe finden diese Stimmen zum einen am Anleihemarkt, wo die Fed mit höheren Leitzinsen eine längere Aufwärtsbewegung folgerichtig nachvollziehen würde. Zum anderen werden die Zeichen auf dem Parkett gelesen. Dort verharren die Aktien der großen Konzerne - verglichen mit Europas Schwergewichten - unbeweglich bei niedrigen Kursen. Ein Beweis dafür, dass höhere Zinsen in den Preisen schon enthalten sind. Bleibt das Signal der Fed nun aus, werden Erwartungen entäuscht, das Vertrauen sinkt, die Unsicherheit wächst wieder. Mit Blick auf die vor dem Jahrhundertwechsel ohnehin strapazierten Nerven der Investoren kein wünschenswertes Szenario. Greenspan selbst ermahnte unlängst die Banken, gegen das unkalkulierbare Risiko vorzusorgen, dass Anleger plötzlich das Vertrauen verlieren und massenhaft Aktien verkaufen. Kommt die Zinserhöhung jetzt, ist die Fed gegen Überraschungen gewappnet. Und für die Börse wäre der Weg frei, ihren Optimismus in Kursgewinnen zu dokumentieren.

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