Wirtschaft : Keine Angst vor der Korrektur

Gerd Schemmann

In den vergangenen Monaten schienen Aktienmärkte nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Fast jeden Tag gab es in den Medien Berichte über neue All-Time-Highs und Börsianer, die sich in Champagnerlaune befanden. In dieser Phase wurden potenzielle Investoren geblendet und fast jede Aktienanlage - schien diese auch dubios - konnte ordentliche Kursgewinne verzeichnen. Viele Anleger, die nicht bereits durch den Telekom-Börsengang in November 1996 inspiriert wurden, haben die Gelegenheit der fast unendlich steigenden Kurse genutzt und sind auf den mit Volldampf fahrenden Zug aufgesprungen, was zu weiter steigenden Kursen führte. Besonders das Innovationssegment Neuer Markt schien die großen Kursgewinne für sich gepachtet zu haben.

Zuletzt hat sich jedoch wieder einmal gezeigt: Die Börse ist keine Einbahnstraße! Die längst überfällige Korrektur hat den Nemax-50 seit Anfang März gut 35 Prozent seiner Kursgewinne gekostet. Auch wenn es anschließend zu einer kräftigen Erholung kam, stellt die Marke von 6400 Punkten weiterhin eine wichtige Unterstützung dar, die vorerst den Abschwung gestoppt hat. Bei einem nachhaltigen Unterschreiten dieser Marke besitzt der Nemax-50 weiteres Abwärtspotential bis in den Bereich von 5600 Punkten. Dies ist immer noch möglich, da die Vorgaben aus den USA ebenfalls nicht rosig sind, wo die Nasdaq gerade eine charttechnische Doppeltopbildung abgeschlossen und damit ein Verkaufssignal generiert hat. In dieser Phase heißt es für den Anleger: Nerven behalten.

Korrekturen bieten bekanntlich auch die Möglichkeit, gut im Markt positionierte Unternehmen zu günstigen Kursen in das eigene Portfolio zu legen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, denn das Ende der Korrektur zeichnet sich noch nicht ab. Grundsätzlich sollte bei jedem Investment an der Börse ein Stopplimit eingegeben werden, womit der mögliche Verlust begrenzt werden kann. In Zukunft wird wohl wieder mehr auf die Qualität eines Unternehmens geachtet werden müssen. Allein ein Dot.Com im Namen reicht eben doch nicht, um langfristig ein Überflieger zu sein. Es wird auch einen verstärkten Wandel von so genannten Business-to-Customer-Unternehmen (BTC) hin zu B2B-Unternehmen (Business-to-Business) geben. Denn in diesem Bereich werden in den nächsten Jahren Wachstumschancen erwartet, die deutlich höher sind als die des Internetbereichs, der den Markt bisher so beflügelt hat. In diesem Zusammenhang sind Werte wie Broadvision, Oracle und SAP zu nennen, die sich auf die Bereitstellung von Software und B2B-Plattformen spezialisiert haben. Grundsätzlich sollte wieder verstärkt das Stock-Picking betrieben werden, bei dem der Anleger Aktien kauft, die gute Zukunftsperspektiven zu bieten haben.Gerd Schemmann ist Vorstandsmitglied der Berliner Volksbank eG und zuständig für das Investment Banking.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben