Wirtschaft : Keine Angst vor der Mehrwertsteuer

Dax-Firmen: Zwei Drittel des Umsatzes im Ausland

Ulf Sommer (HB)

Düsseldorf - Deutschlands börsennotierte Unternehmen brauchen die höhere Mehrwertsteuer kaum zu fürchten. Denn die 130 größten Konzerne konzentrieren ihre Geschäfte zunehmend aufs Ausland. Dort setzen sie am meisten um, beschäftigen den Großteil ihrer Mitarbeiter und investieren in neue Standorte. Wie der exklusive Handelsblatt-Firmencheck zeigt, erwirtschaften die Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) bereits durchschnittlich 63 Prozent ihrer Umsätze im Ausland, die Firmen im M-Dax kommen auf 60 Prozent.

Der Firmencheck, der in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsprüfung (IWP) und der Unternehmensberatung Mercer Management entsteht, zeigt, dass die Bedeutung des Firmensitzes abnimmt. „Realität ist, dass wir in den meisten Branchen längst globale Strukturen haben und die Standorte nur noch aus historischen Gründen in Deutschland liegen“, sagt Mercer-Berater Thomas Kautzsch. Untersucht wurden die Geschäftsberichte von 130 Industrie-, Handels- und Dienstleistungskonzernen aus den Börsenindizes Dax, M-Dax, S-Dax und Tec-Dax.

„Auch die Kleinen haben längst ihre Auslandsnischen gefunden“, sagt Karlheinz Küting, Direktor des IWP. Unter den zehn Unternehmen mit dem stärksten Auslandsanteil befinden sich mit dem Modekonzern Escada und den Spezialmaschinenbauern Boewe Systec und Klöckner ebenso viel Firmen aus dem kleinsten Börsensegment S-Dax wie aus dem Dax. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erwirtschafteten Firmen mit mindestens 20 Mitarbeitern im vergangenen Jahr 41 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Zehn Jahre zuvor war es nur gut ein Viertel.

„Deutschland war in den vergangenen Jahren nicht gerade ein Wachstumsmarkt. Das zog Konzerne, die höhere Renditen anstrebten, ins Ausland“, sagt Elga Bartsch, Europa-Volkswirtin bei der Investmentbank Morgan Stanley. Paradebeispiel ist der Baukonzern Hochtief. Der Heimatmarkt ist gesättigt und stagniert wegen des enormen Preisdrucks. Die Folge: Hochtief beschäftigt mehr als drei Viertel seiner Mitarbeiter im Ausland und erwirtschaftet dort mehr als vier Fünftel seiner Umsätze.

Das wirkt sich auch auf die aktuellen Investitionen aus. Mit Ausnahme der Technologiefirmen im Tec-Dax lenken die 130 größten börsennotierten deutschen Unternehmen inzwischen durchschnittlich mehr als die Hälfte ihrer Investitionen in ausländische Standorte.

Meistens gehen die Unternehmen nicht aus Kostengründen ins Ausland, sondern weil sie die Nähe zum Kunden suchen. „Linde ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein deutsch-konzentrierter Mischkonzern zu einem global-fokussierten Unternehmen wandelt“, sagt Berater Kautzsch. Der Gasehersteller trennte sich von allen Randaktivitäten und übernahm seinen britischen Wettbewerber BOC. Nun erzielt Linde knapp 80 Prozent seiner Umsätze im Ausland, beschäftigt dort knapp zwei Drittel seiner Mitarbeiter und investiert einen in etwa ebenso hohen Anteil außerhalb des Heimatmarktes. Auch Henkel und BASF beispielsweise kauften im abgelaufenen Jahr Unternehmen im Hochlohnland USA –, weil sie dort attraktive neue Märkte sehen.

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