Wirtschaft : Keine Dollars für deutsche Vioxx-Opfer?

Ob hiesige Patienten in den USA klagen können, ist unter Rechtsanwälten umstritten

Moritz Döbler

Berlin - Deutsche Vioxx-Patienten gehen möglicherweise in den USA leer aus, weil es Präzedenzfälle vor deutschen Gerichten gibt. Darauf wies der Berliner Anwalt Michael Witti am Montag hin, der nach eigenen Angaben 50 bis 100 Vioxx-Patienten vertritt. Er kritisierte damit den Berliner Anwalt Andreas Schulz, der knapp 800 Vioxx-Patienten vertritt und die ersten drei Klagen gegen den Pharmakonzern Merck & Co im US-Bundesstaat New Jersey angekündigt hat.

Schulz wies diese Darstellung zurück. Die Frage der deutschen Klagen sei nicht das einzige Kriterium für die Erfolgsaussichten in den USA. „Diese Darstellung halte ich für unscharf“, sagte er dem Tagesspiegel. In den USA lassen sich häufig viel höhere Schadenersatzsummen durchsetzen. Im ersten Vioxx-Urteil hatte ein texanisches Gericht vergangene Woche der Witwe eines Vioxx-Patienten über 250 Millionen Dollar zuerkannt. Der Konzern sieht sich in den USA bereits mit 4200 Klagen konfrontiert. Analysten zufolge könnte der Rechtsstreit das Unternehmen Milliarden kosten und auf Jahre beschäftigen. Das Risiko beziffern sie auf drei bis 40 Milliarden Dollar. Merck-Aktien verloren am Freitag nach dem Urteil acht Prozent und gaben am Montag weiter nach. Als wahrscheinlich gilt, dass der Konzern noch eine ganze Reihe von Urteilen abwartet, um sich dann möglicherweise auf einen Vergleich zu einigen. Ob deutsche Patienten daran teilhaben, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob US-Gerichte deutsche Klagen annehmen.

Die Berliner Anwälte Andreas Schulz und Burghardt Lau bestätigten, dass sie insgesamt drei Auskunftsklagen gegen die deutsche Merck-Tochter MSD in München, Köln und Meiningen in Thüringen eingereicht haben. Beide verwiesen darauf, dass zahlreiche ihrer Mandanten in Deutschland klagen wollen.

„Der Zeitfaktor spielt eine entscheidende Rolle“, sagte Lau, der rund 100 Vioxx-Mandanten vertritt, dem Tagesspiegel. Die Verjährungsfrist betrage drei Jahre ab Kenntnis des Vioxx-Risikos und habe damit spätestens im September 2004 eingesetzt. Damit sei das erste Jahr schon vorbei, ohne dass es zu Zahlungen an deutsche Opfer gekommen sei. Witti, der schon an mehreren US-Sammelklagen beteiligt war und vor gut drei Jahren von München nach Berlin übersiedelte, sagte dem Tagesspiegel, die deutschen Patienten wären besser beraten gewesen, sich in Deutschland juristisch zurückzuhalten. „Wenn man in Deutschland Klagen führt, dann wird es sehr schwierig sein, einem amerikanischen Gericht klar zu machen, dass es auch deutsche Patienten einbeziehen soll.“

Sowohl Witti als auch Schulz arbeiten mit US-Kanzleien zusammen. Witti setzt dabei mehr auf Sammelklagen, Schulz auf Einzelklagen wie in Texas.

Die Zahl der Vioxx-Fälle in Deutschland schätzen Experten auf 7000. Auch die Krankenversicherer sind aufmerksam geworden, da ihnen Behandlungskosten in Millionenhöhe entstanden sein dürften. Konkrete Klagepläne hat der BKK-Bundesverband derzeit nicht. Die Ersatzkassen wollen bei einem Treffen am Mittwoch beraten, welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt.

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