Wirtschaft : Keine Kinder, keine Geschäfte

Der Nachwuchsmangel hat dramatische Folgen für Firmen: Sie müssen sich neue – alte – Kunden suchen

Ingo Reich,Joachim Hofer

Düsseldorf - Die steigende Kinderlosigkeit in Deutschland macht Herstellern von hochwertiger Kinderkleidung und Marken-Babyprodukten zu schaffen. Denn vor allem die Schicht der gebildeten Besserverdiener fällt zunehmend als lukrative Zielgruppe aus: Diese Gruppe trägt überproportional zum Nachwuchsmangel in Deutschland bei, lautet das Ergebnis einer Studie des Ökonomen Bert Rürup. Fast jede zweite Akademikerin entscheide sich gegen ein Kind. Konsequenz: Hochpreisige Marken verlieren ihre Stamm-Kundschaft, heißt es in der Studie. Unternehmen bestätigen diesen Trend, der ihnen neben der allgemeinen Konsumzurückhaltung und manchen hausgemachten Problemen zusetzt.

Der Kinderschuh-Hersteller Elefanten führt seine Existenzkrise – neben gesamtwirtschaftlichen Gründen – auf den demographischen Wandel zurück. Mehr als 800 Arbeitsplätze am Stammsitz in Kleve und in den Werken in Portugal und der Slowakei sind akut bedroht.

Der Markt für Kinderkleidung ist in den vergangenen drei Jahren um fast ein Sechstel auf 2,6 Milliarden Euro geschrumpft. Die Problemfälle häufen sich: Vor der Krise bei Elefanten hat die Joop GmbH ihre hochwertige Kindermoden-Linie „Joop! Kids“ im Juni mangels Nachfrage eingestellt.

Spielzeughersteller spüren die Flaute schon seit Jahren. Die Umsätze mit traditionellem Spielzeug sind in den vergangenen zehn Jahren nach Angaben der Marktforscher von Eurotoys um rund 400 Millionen Euro auf knapp 2,4 Milliarden Euro gesunken. Besonders die Hersteller hochwertiger Spielwaren sind betroffen von sinkenden Kundenzahlen aus gut verdienenden Schichten und vom Trend zum Billigprodukt. Der Marktanteil der spezialisierten Händler für teure Spielwaren lag 1994 noch bei rund einem Drittel, derzeit sind es noch 27 Prozent – mit fallender Tendenz. Discounter konnten ihren Anteil dagegen in gleichem Umfang ausbauen. Experten gehen davon aus, dass jedes zweite verkaufte Spielzeug bald ein Billigprodukt sein wird.

Die Liste der renommierten deutschen Hersteller, die aufgeben mussten, ist lang. Zuletzt traf es die Puppenmanufaktur Götz in Rödental. Auch die Ravensburger AG rutschte im Jahr 2000 tief in die roten Zahlen. Erst eine tief greifende Sanierung führte den Spieleverlag wieder in die Gewinnzone. Die negative Branchenentwicklung setzt auch weltbekannten Marken wie Lego zu. Nach Verlusten im vorigen Jahr müssen bis 2006 rund 500 der 8000 Mitarbeiter gehen. Bei dem Holzspielzeug-Spezialisten Brio ist nach tiefroten Zahlen im vorigen Jahr Anfang Juli eine Investment- Firma eingestiegen, um den Hersteller von Holz-Eisenbahnen zu sanieren.

In dem seit Jahren stagnierenden Markt für Babynahrung mit einem Volumen von 546 Millionen Euro konnten sich Hersteller nur durch Innovationen vor Rückschlägen schützen. Nestlé (Alete), Humana und Milupa führen ihren Erfolg auf die Erweiterung ihrer Folgemilchnahrung über den achten Monat hinaus an. Branchenführer Hipp mag davon profitieren, dass seine Gläschenkost auch bei Senioren beliebt ist.

Der Trend zu weniger Kindern und mehr Senioren bietet für manche Unternehmen Chancen. Für die rechtzeitige strategische Kehrtwende liefert der Windelhersteller Paul Hartmann AG („Fixies“) ein Beispiel: Das Unternehmen verkaufte seine Windelproduktion und baut stattdessen das Geschäft mit Inkontinenzprodukten für Senioren aus.HB

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