Keine Trendwende : Musikindustrie in stabiler Seitenlage

Die deutsche Musikbranche steigert nach langer Zeit die Erlöse – der Datenklau im Internet geht weiter.

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Nischenprodukt. 2011 wurden 700 000 Vinyl-LPs verkauft, ein Zuwachs von gut zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Nischenprodukt. 2011 wurden 700 000 Vinyl-LPs verkauft, ein Zuwachs von gut zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.Foto: dapd

Berlin - Ein hauchdünnes Umsatzplus nach 15 Minus-Jahren ist noch keine Trendwende. Aber ein Zuwachs von 0,1 Prozent im vergangenen Jahr sei immerhin ein „positives Signal“ für die Musikbranche, sagte Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Musikindustrie (BVMI), am Donnerstag in Berlin. „Wir befinden uns in einer Stabilisierung.“ 1,67 Milliarden Euro setzte die Branche, deren Einnahmen sich seit Ende der 90er Jahre halbiert haben, 2011 um. Im ersten Quartal 2012 gab es sogar ein Plus von 4,2 Prozent. Dennoch wagt der Verband keine Prognose für das Gesamtjahr. Zu viel ist in der Musikindustrie immer noch in Bewegung.

Vor allem im Internet. Die CD bleibt als physischer Tonträger zwar die wichtigste Säule: fast 74 Prozent des Branchenumsatzes entfallen auf dieses Medium (siehe Grafik). Doch der Umsatz im Online-Geschäft steigt ungleich dynamischer – 2011 um 21,2 Prozent auf 250 Millionen Euro. Und den größten Zuwachs gab es mit 28,8 Prozent beim Download von Musik.

Das klingt gut, aber hier fangen auch die Probleme der Industrie an. Denn: Die digitale Revolution bringt den Vertrieb von Musik Jahr für Jahr in schwere Turbulenzen. Allein 2010 wurden nach BVMI- Angaben knapp 900 Millionen Songs illegal aus dem Netz heruntergeladen. In Kürze wird der Verband Zahlen für 2011 veröffentlichen, die nicht weniger dramatisch ausfallen dürften. „Die illegale Konkurrenz ist nach wie vor stark“, sagte Gorny. Immerhin gebe es inzwischen aber 70 legale Online-Angebote.

Den Vorwurf, die Branche sei immer noch nicht für das digitale Zeitalter gerüstet, wies der BVMI-Chef als „Nebelkerze“ zurück. Sie werde von jenen in die Debatte geworfen, die nicht an einer konsequenten Umsetzung des Urheberrechts interessiert seien. Gorny warf der Politik „Wegducken“ vor. „Das betrifft auch die Piraten.“ Zwar gebe es ein Bekenntnis zum Urheberrecht, es fehle aber konsequentes Handeln. So habe das Wirtschaftsministerium eine Studie zu Warnmodellen als Mittel gegen Urheberrechtsverletzungen vorgelegt, „aber niemand diskutiert sie“. In einer „harten ökonomischen Diskussion“ müssten Fakten eine größere Rolle spielen. Der Verband plädiert unter anderem für die Einführung eines Warnhinweises bei Rechtsverletzungen im Netz. Mit Spannung erwarte man das Urteil des Landgerichts Hamburg, das an diesem Freitag über eine Klage der deutschen Musik-Verwertungsgesellschaft Gema gegen den Google-Dienst Youtube entscheidet, sagte BVMI-Geschäftsführer Florian Drücke.

Eine „Brücke zum legalen Konsum“ sieht die Branche in der direkten Übertragung von Musik über das Internet (Streaming). 18 Prozent der täglichen Musiknutzung entfällt auf das Streaming, den größten Anteil hat das Radio (34 Prozent), auf digitale Dateien entfallen 28 Prozent, auf CDs oder andere Tonträger 20 Prozent.

Deutschland ist der drittgrößte Musikmarkt, hinter den USA und Japan. Es folgen Großbritannien und Frankreich. Weltweit wurden 2011 insgesamt 16,6 Milliarden Dollar mit dem Musikvertrieb umgesetzt – drei Prozent weniger als 2010.

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