Wirtschaft : Keinen Cent von der Telekom

Auf der Hauptversammlung wollen die geprellten Telekom-Aktionäre Dampf ablassen – Vorstandschef Ricke schließt einen Vergleich mit den Kleinanlegern aus

Corinna Visser

Berlin. Seit Tagen können die Rechtsanwälte der Wiesbadener Kanzlei Doerr Kühn Plück&Thoeren nur noch ihr Mobiltelefon benutzen, wenn sie jemanden anrufen wollen. Denn die zehn Anschlüsse der Kanzlei sind meist belegt – von Rat suchenden Aktionären. Am vergangenen Montag hatten die Anwälte körbeweise Klageschriften beim Landgericht Frankfurt (Main) eingereicht. 1500 Kleinanleger werfen der Deutschen Telekom darin vor, in ihrem Verkaufsprospekt zum dritten Börsengang im Mai 2000 wesentliche Risiken verschwiegen und falsche Angaben gemacht zu haben.

Seit dem Sommer 2000 ist der Börsenkurs in den Keller gegangen und die Anleger haben viel Geld verloren. Nun verlangen sie vor Gericht ihr eingesetztes Kapital zurück. Diese Prospekthaftungsklagen, da sind sich Anlegerschützer sicher, werden auf der Hauptversammlung der Telekom am kommenden Dienstag in Köln ein wichtiges Thema sein. „Das war erst der Anfang“, sagt Anwalt Ralf Plück zu der Aktion vom vergangenen Montag. Noch immer reiße der Strom derer nicht ab, die sich den Schadenersatzklagen anschließen wollen. Bis Freitagmittag, so schätzt er, sind noch einmal 2000 Kläger dazugekommen. „Anfang kommender Woche werden wir die nächsten Klagen einreichen“, sagt Plück – nicht sicher, ob die Kanzlei tatsächlich auch alle Anfragen bewältigen kann. Denn die Zeit drängt, die Verjährungsfrist läuft am 26. Mai aus.

Die Anwälte werfen der Telekom vor allem vor, die Anleger über die Risiken des Erwerbs der amerikanischen Mobilfunkgesellschaft Voicestream und über den wahren Wert des Telekom-Immobilienvermögens nicht richtig informiert zu haben. Die Kläger, sagt Anlegeranwalt Plück, „sind zu etwa 80 Prozent ältere Herrschaften, die mit Wertpapieren zuvor so gut wie keine Erfahrungen hatten und die Aktien für ihre Altersversorgung erworben haben“. Die Anlagesumme belaufe sich bei den zusammengenommen rund 3500 Klägern auf etwa 18 Millionen Euro.

Die Erfolgsaussichten der Klagen schätzt der Anwalt erwartungsgemäß positiv ein. Weniger optimistisch ist dagegen Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Die Hürden für eine Klage seien größer als oftmals geschildert. Trotzdem wird er das Thema auf der Hauptversammlung zur Sprache bringen. Im Vorfeld des Aktionärstreffens zeigte sich Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke hart. „Ein Vergleich kommt für uns nicht in Frage“, sagte Ricke der „Welt am Sonntag“. Ricke scheint sich sicher zu fühlen. Nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ wird die Staatsanwaltschaft Bonn in den kommenden Wochen zwei Verfahren gegegn gegen die Telekom einstellen.

Die diesjährige Hauptversammlung wird die erste ohne Ron Sommer sein. Dem ehemaligen Telekom-Chef schlug im vergangenen Jahr die geballte Wut der Telekom-Aktionäre entgegen. Diesmal wird mit Ricke ein neuer Vorstandsvorsitzender vor die Aktionäre treten. Der konnte gerade eine Quartalsbilanz vorweisen, auf der unter dem Strich nach sechs verlustreichen Quartalen erstmals wieder eine schwarze Zahl stand. „Die Verve der Vorwürfe wird sich reduzieren“, erwartet Labryga. „Im Moment gibt es bei der Telekom nicht viel zu kritisieren – aber auch nicht viel Hurra zu schreien.“

Die SdK und auch der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Hans-Richard Schmitz, wollen von Ricke vor allem eines wissen. „Woher soll künftig das Wachstum kommen? Außerhalb Deutschlands gibt es bei der Telekom nur Baustellen“, sagt Schmitz. Er glaubt, dass die Aktionäre nach dem Jahr 2002, in dem die Telekom mit knapp 25 Milliarden Euro den größten Verlust in der deutschen Firmengeschichte produzierte, ihren Blick nun wieder nach vorne richten wollen. Von großen Visionen hätten sie allerdings genug.

Auch den Aufsichtsrat haben die Aktionärsvertreter im Visier. Dem wollen sie die Entlastung verweigern wegen der unprofessionellen Suche nach einem neuen Vorstandschef. Doch das Gremium ist inzwischen neu besetzt mit Post-Chef Klaus Zumwinkel an der Spitze. Schmitz: „Die handelnden Personen, die man noch hängen könnte, sind nicht mehr da.“

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