Wirtschaft : Kersten Frind

(Geb. 1964)||Er wäre so gern Lästersenior auf der Karl-Marx-Allee geworden.

Gregor Eisenhauer

Er wäre so gern Lästersenior auf der Karl-Marx-Allee geworden. Er hatte Glück. Nicht jeder trifft die Liebe seines Lebens zur rechten Zeit. Berlin-Pankow, in der Tanzbar Esplanade, sie tanzte mit ihrer Freundin, er setzte sich an ihren Platz, trank ihren Kaffee und ihren Weinbrand aus. Frech wie immer, und charmant: Er büßte mit einer Flasche Perlwein und hatte fortan nur noch Augen für sie. Was gar nicht so selbstverständlich war für einen, der nie was hatte anbrennen lassen. Ein schwarzer Lockenkopf, bildhübsch schon als Baby, alle hatten sie Angst in der Familie, er würde aus dem Kinderwagen geklaut. Irgendwie hatte ihn schon früh die Fee geküsst, die gute – und die böse.

Anfangs war alles Idyll. Die Karl- Marx-Allee war seine Straße, die hat er geliebt. Die Schule war um die Ecke, alle Kumpels in Reichweite, und vor allem die Familie. Drei ältere Geschwister, zwei Schwestern, ein Bruder, Tanten, Onkels, und die Mutter, die die ganze Truppe zusammenhielt.

Als zu den hübschen Locken auch noch die freche Klappe kam, zog er mit seiner großen Schwester um die Häuser. Immer mittendrin, gerade auch bei den Mädels, die ihn für seine Sprüche vergötterten.

Alles ist ihm zugefallen. Mit sechzehn ging er ins Internat, um eine Lehre zu machen: Baumaschinist. Ein begehrter Job in der DDR, weil gut bezahlt, und: Man konnte ins Ausland auf Montage gehen. Später wechselte er zur IFA, Industrievereinigung volkseigener Fahrzeugbau, auch so ein „Goldstaubjob“.

Besser hätte es nicht laufen können, erst recht nicht, als er Ines getroffen hatte. Vierzehn Tage nach dem Abend im Esplanade zogen sie zusammen. Zweiundzwanzig waren sie da. Vier Jahre später heirateten sie. Ihren Sohn hat er wie seinen Sohn geliebt. Da gab es nie einen Vorbehalt. Er mochte einfach alles an ihr, und sie an ihm.

Und sie teilten den Spaß an sehr alltäglichen Gewohnheiten. Stundenlang schlenderten sie durch Baumärkte – „die Atmosphäre hat uns so gut gefallen, und dass es da immer was Neues zu sehen gab.“ Nächtelang haben sie durchgequatscht, sich über alte russische Märchen unterhalten oder über „Star Treck“, die amerikanische Science- Fiction-Serie.

Im Urlaub ging es immer nach Spanien runter, ein kleines Fischerdorf, weitab vom Schuss, am Pool liegen, lesen, Ideen jonglieren.

Zehn Jahre lebten Ines, Kersten und Steven in einer Zweiraumwohnung. Nie gab es ernsten Streit. Das Schlimmste, worunter er in den guten Jahren gelitten hat: Haarausfall.

Seine ganz private Altersplanung: Er wäre so gern in die Fußstapfen der Lästersenioren aus der Muppetshow getreten, aber auf der Karl-Marx-Allee, versteht sich. Dort auf der Parkbank sitzen, mit dem Kumpel Pointenpingpong spielen – und dann heim zu Ines.

Notfalls auch im Rollstuhl. Eine Fehlstellung der Wirbelsäule, in der Jugend nie richtig erkannt, nie richtig behandelt, zwang ihn frühzeitig in Rente. Eine Morphinpumpe wurde im Bauch implantiert. Die letzten sechs Jahre konnte er sich meist nur unter Schmerzen bewegen. Irgendwann würde er tatsächlich im Rollstuhl sitzen müssen. Damit hatten sie sich abgefunden. Damit würden sie leben können.

Mit dem Todesurteil, Krebs, Endstadium, konnten sie es nicht. Nur noch wenige Wochen blieben. Der Kampf um jeden Tag begann. Die Ärzte gaben bald auf. Die Familie nicht.

In einer Privatklinik wurde die Erwartung geweckt, mit einer lokalen Chemotherapie ließen sich noch ein Jahr oder zwei gewinnen. Das kostete Geld, Geld das die Krankenkasse nicht zahlte. Die Eltern lösten ihre Lebensversicherung auf. Für falsche Versprechungen.

Ines hat ihn zuhause bis zum Schluss gepflegt. Und alle in der Familie standen ihr zur Seite. Er war traurig, weil er gehen musste, weil er seine Familie nicht allein lassen wollte, aber er war nicht verbittert.

Drei Tage ging der Todeskampf. Und noch immer wollte er die anderen zum Lachen bringen. Und sie haben versucht, ihn so gut zu trösten, wie es eben geht.

Das ist doch selbstverständlich, sagt Ines, das muss man nicht erzählen. Das muss man doch erzählen: Dass eine Familie in der Not zusammensteht. Und Ines und Kersten so lange glücklich waren.

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