Kiffen hilft dem Wachstum : Drogen und Zigarettenschmuggel zählen jetzt zum Sozialprodukt

Das passiert, wenn das Statistische Bundesamt seine Berechnungsmethoden ändert: Gesellschaftlich nicht hoch angesehene und sogar kriminelle Güter und Dienstleistungen steigern das deutsche Bruttoinlandsprodukt.

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Geschäft ist Geschäft. Die Bundes- und Landesstatistiker sollen künftig auch den Umfang des Cannabis-Handels, hier in Kreuzberg, abschätzen.
Geschäft ist Geschäft. Die Bundes- und Landesstatistiker sollen künftig auch den Umfang des Cannabis-Handels, hier in Kreuzberg,...Foto: picture alliance / dpa

Was unweit von vielen Bahnhöfen in Deutschland unter der Hand an Drogen verkauft oder an geschmuggelten Zigaretten Abnehmer findet, weiß niemand genau. Ab sofort müssen Statistiker den Wert solcher Geschäfte schätzen. Am 14. August bei der Vorlage der ersten Zahlen und am 1. September, wenn das Statistische Bundesamt (Destatis) die Details auf den Tisch legt, werden sich manche Beobachter die Augen reiben. Mit einem Mal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das den Wert aller im Inland produzierten Güter und aller Dienstleistungen misst, für das zweite Quartal 2014 um etwa drei Prozent höher als im Vorjahresquartal. Freilich: Dahinter verbirgt sich kein Wachstumsschub, sondern eine neue Basis für die Berechnung der wichtigsten volkswirtschaftlichen Kennzahl. Denn jetzt tragen auch Drogendealer und Zigarettenschmuggler zur Wirtschaftsleistung bei.

Volkswirtschaften sollen besser vergleichbar werden

Die europaweite Einführung des neuen Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (EVSG 2010) verlangt dies. Sie wiederum basiert auf Vorgaben der Vereinten Nationen. Damit sollen die Volkswirtschaften besser vergleichbar werden, sagt Norbert Räth, Leiter der Gruppe Inlandsprodukt bei Destatis. Künftig werden sich die Statistiker auch mit illegalen Aktivitäten befassen müssen. „Grundsätzlich sind alle wirtschaftlichen Aktivitäten zu erfassen, unabhängig davon, ob diese legal oder illegal sind, ob sie den Steuer-, Sozialversicherungs-, Statistik- oder anderen Behörden bekannt sind oder nicht", sagt Räth.

Ganz neu sind solche Berechnungen nicht: Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft haben schon in der Vergangenheit Eingang in das BIP gefunden. Wobei, so Räth, Daten des Zolls und der Bauwirtschaft aber auch Umsätze von Heimwerkermärkten als Berechnungsgrundlage dienten. Schätzungen zufolge könnte Schwarzarbeit auf eine Wirtschaftsleistung zwischen 140 und 420 Milliarden Euro pro Jahr kommen - bis zu 15 Prozent des Sozialprodukts.

Der Beitrag von Dealern und Schmugglern muss geschätzt werden

Der fragwürdige Beitrag von Dealern und Zigarettenschmugglern muss ebenso geschätzt werden. Bei Heroin, Kokain oder Ecstasy dienen Behandlungszahlen, Angaben von Polizei- und Zoll (der stellte 2013 rund 22 Tonnen Rauschgift sicher) und die Zahl der Drogentoten als Grundlage zur Ermittlung des ungefähren Konsums. Diese Menge wird wiederum mit den von den Behörden ermittelten Straßenhandelspreisen bewertet.

Beim Zigarettenschmuggel basiert die Schätzung auf Analysen des Branchenverbandes. Der lässt in ausgewählten Regionen jeden Monat 12.000 weggeworfene Zigarettenschachteln sammeln. Aufgrund vorhandener oder fehlender Steuermarken ist erkennbar, woher wie viele Schachteln stammen. Zwar lässt sich nicht klar ermitteln, was Urlauber legal eingeführt haben und was geschmuggelt wurde. Die Menge aus "traditionellen" Schmuggelländern wird geschätzt, mit dem Schwarzmarktpreis multipliziert und so Konsumwert der Schmuggelware ermittelt. Experten zufolge werden pro Jahr in Deutschland mindestens zehn Milliarden Zigaretten illegal vertrieben.

Die Prostitution wurde zum Teil schon berücksichtigt

Die Prostitution, die hierzulande erlaubt ist, hatten die Statistiker bislang schon zum Teil beim BIP berücksichtigt und weiten dies aus. Bislang errechnete die Behörde in Wiesbaden eine jährliche "Wirtschaftsleistung" von etwa 14 Milliarden Euro, sagt Räth. Die Gewerkschaft Verdi nennt eine ähnliche Zahl bei etwa 400 000 Prostituierten. Pro Kontakt setzen die Statistiker 30 Euro an.

Der Aufwand für die Berechnung dieser illegalen Geschäfte ist immens. Dabei ist ihr Beitrag zum BIP, wie Räth betont, mit einem Anteil von 0,1 Prozent bei einem Sozialprodukt von 2.738.000.000.000, also 2,738 Billionen Euro gering. Auf die Wachstumsrate hätten sie keinerlei Auswirkungen.

Auch Forschung und Entwicklung werden neu verbucht

Viel wichtiger für das BIP sind Neu-Verbuchungen von Forschung und Entwicklung. Sie galten bislang als Vorleistung, die das Sozialprodukt mindern. Ab sofort werden sie den Investitionen zugerechnet und erhöhen das BIP. Ähnlich müssen die Statistiker mit Rüstungsgütern verfahren. Bisher wurden nur zivil genutzte Militäranlagen als Investitionen betrachtet, nun aber auch Waffensysteme wie Panzer und Raketen. Sie werden als Anlagegüter eingestuft - ungeachtet des destruktiven Potentials wie es bei der europäischen Statistik-Behörde Eurostat heißt.

Auf die Wachstumsraten haben die Veränderungen, betont Räth, keinen Einfluss, da die Daten bis 1991 zurückgerechnet werden. Aber das BIP insgesamt dürfte um drei Prozent höher ausfallen (wobei 1,9 Punkte auf Forschung und Entwicklung entfallen) - in Deutschland für 2013 also um etwa 82 Milliarden Euro. Einen zumindest für die Politik nicht unwichtigen Effekt hat die Neuerung: Die Quoten für das jährliche Haushaltsdefizit und für den Schuldenstand werden leicht gedrückt. Die finanzielle Lage der Staaten sieht besser aus, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat. Für Deutschland läge etwa die Schuldenquote für 2013 nicht mehr bei 78,4, sondern nur noch bei 76,1 Prozent. Erlaubt sind in der EU 60 Prozent.

Volkswirte wie Rolf Schneider von der Allianz bewerten die Neuberechnung skeptisch. So viel werde sich nicht verändern, auf die Wachstumsraten hätten die Neuerungen ohnehin keinen Einfluss. Dass die Daten für illegale Aktivitäten wie Drogenkonsum logischerweise nur geschätzt werden können, trägt nach Ansicht von Schneider zur Seriosität der BIP-Daten auch nicht bei. „Wir haben so schon viele Unwägbarkeiten in der Statistik".

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